Wenn das „Sommertheater“ zur „Hassorgie“ wird…

Wo ist sie hin, die alle einbeziehende schwarzgelbe Vereinstradition? Vermutlich „weggegötzt“ und „verschürrlt“. Übrig bleibt ein einziges dauerhaftes Kopfschütteln. Was einem bei Sebastian Rode, Mario Götze und nun André Schürrle an Abneigung und zuweilen sogar offen vorgetragenem Hass in den sozialen Medien entgegen schlägt, lässt mich erneut an der Menschheit zweifeln und immer wieder die Frage stellen: Das soll „unsere“ Fantradition beim BVB sein?

Zu „meiner Zeit“ war das anders. Da hat man sich gefreut wie ein Schnitzel, wenn sich ein Spieler für den BVB entschieden hatte und harrte des ersten Spieltages, um diese „Neuen“ das erste Mal vor den Ball treten zu sehen. Da begrüßte die Fangemeinschaft herzlich und euphorisch einen jeden von ihnen. Und auch „damals“ hatten wir Spieler, die den Verein verlassen hatten, um später zum BVB zurück zu kehren. Vereinsikone „Siggi“ Held ist so einer. Kein Mensch käme auf die Idee, ihm mit Hass und Häme zu begegnen. Aber damals gab es auch noch kein Internet oder Facebook, wo man sich im vermeintlichen Schutz der Anonymität über alles und jeden echauffieren kann.

Es mag an meiner Erziehung liegen: Wer sie als angenehm empfindet, wird sie als „old school“ bezeichnen. Diejenigen, die wohl selbige nicht genossen haben, werden sie als „spießig“, „unzeitgemäß“, antiquiert oder gar als „dämlich“ bezeichnen. Muss ich mit leben. Womit ich nicht leben kann, wo mir jegliches Verständnis fehlt, sind die Zerrbilder einer „Fankultur“ in schwarzgelb, die eine Neuverpflichtung bereits im Vorfeld so weit unter der Gürtellinie fertig machen, dass der Titel „die besten Fans der Welt“ wie Hohn klingen muss.

Die Frage, die sich stellt, ist: Was in Gottes Namen hat Schürrle diesen „Fans“ getan? Hat er nicht früh genug, sagen wir mal als Dreijähriger, BVB gebrüllt? Oder ist sein Leistungsspektrum beim Vfl Wolfsburg zu wenig, um das BVB-Trikot tragen zu dürfen?

Das, was André Schürrle in Wolfsburg widerfahren ist, ist vielen von uns im Job auch schon passiert: Mit dem Chef stimmte die Chemie irgendwie nicht, mit den Kollegen kam man nicht klar und man sehnte sich zu seinem alten Chef zurück. Oder zu Kollegen, die man von früher noch kannte und mit denen man ein gutes Team bildete. André Schürrle hat die Chance genutzt, um zu seinem „alten Chef“ Thomas Tuchel zurück zu kehren – bei dem hat´s ja bekanntlich geklappt.

Man kennt sich gut und weiß, was man aneinander hat. Schürrle ist Weltmeister, hat beim FC Chelsea in der Premier League internationale Erfahrungen sammeln können, ist nicht so sehr verletzungsanfällig (wenn man von einer Verletzung in der letzten Vorrunde absieht) und in der Lage, weite Wege zu gehen. Er stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft und hat dies in der Rückrunde der vergangenen Saison trotz zeitweiliger Oberschenkelprobleme bei den Wolfsburgen unter Beweis gestellt: Neun Tore hatte er da erzielt und fünf Torvorlagen beigesteuert. Viertbester Torschütze der Rückrunde! Unter Trainer Tuchel sind vielleicht ja auch die „25“ wieder drin, weil sich die beiden nahezu blind verstehen.

Bleibt also die Ursachensuche für die, verniedlicht ausgedrückt, „Abneigung“, die Schürrle im Netz entgegenbrandet. Für mich hat sie jedenfalls mit Fußballkultur und Tradition des BVB nichts zu tun.

Ist es die hohe Ablöse, die sich bei 30 Millionen Euro bewegen soll? Sind es die über 20 Millionen für Götze? Ich persönlich finde diese Summen auch übertrieben, aber neben den Vorstellungen, die Thomas Tuchel, Michael Zorc und Aki Watzke mit diesen Verpflichtungen verfolgen, gibt es womöglich weitere Gründe, die in den finanziellen Bedingungen liegen, denen der BVB als KGaA unterworfen ist: Lieber ausgeben, als auf die Transfererlöse Steuern zahlen. Wenn es dann noch die Wunschspieler der Vereinsverantwortlichen sind, ist doch alles in Ordnung. Wir als Fans haben in all diese Anforderungen viel zu wenig Einblick und vor allen Dingen fehlt uns die Kompetenz, das alles richtig zu beurteilen. Das gilt zumindest für mich und ich will mir nicht anmaßen, sie zu besitzen.

Was ich mir allerdings anmaße, ist ein permanentes Kopfschütteln über den Umgang mit unseren Neuzugängen. Soll es André Schürrle mit der Angst kriegen, wenn er im Spielertunnel im Westfalenstadion steht und darauf wartet, das Spielfeld zu betreten? Soll er schon im Vorfeld gehemmt aufspielen, damit die Schürrle-Gegner sagen können, sie hätten das schon immer gewusst?

André Schürrle ist ein anständiger Kerl: Keine Skandale, kein pomadiges Auftreten, keine Spur von Arroganz. Eigentlich ein Malocher, wie ihn die schwarzgelben Fans zu meiner Zeit immer geschätzt haben. Der BVB selbst hat es gemeldet: „In 174 Bundesligaspielen hat der offensive Mittelfeldspieler 48 Tore (neun allein in der Rückrunde!) erzielt sowie 29 weitere vorbereitet. Im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft (55 Einsätze) trug er sich obendrein bereits 20 Mal in die Torschützenliste ein.“

Und zu meiner Fußballkultur und meinem Dortmunder Traditionsverständis gehört es, André Schürrle einen tosenden, herzlichen, einmaligen Empfang zu bereiten, wenn er das ausverkaufte Westfalenstadion betritt – ihm einen Gänsehautmoment zu bescheren, an den er sich seinen Lebtag erinnern wird. Einen Moment, in dem ihm gewahr wird, wie richtig es war, Borusse zu werden. Und es wird dieser Moment sein, in dem er die Entscheidung fällt, sich für den Verein und seine Fans zu zerreißen. Nicht weil er Profifußballer ist, sondern weil er Dortmunder sein will. In seinem ersten Statement zum Wechsel bringt er exakt die Einstellung mit, die wir „Alten“ so geschätzt haben: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Kraft der BVB durch das Zusammenspiel mit seinen Fans entwickeln kann und freue mich schon jetzt, das alles zum ersten Mal nicht als staunender Gegner, sondern als Teil des Ganzen erleben zu dürfen.“

Ja, ich habe beim Schreiben dieses Kommentars meine BVB-Brille auf. Ist ja auch Sommer bzw. Sommertheater. Theater beflügelt die Phantasie, lässt träumen: Der Teamumbruch, die Neuverpflichtungen, die Mischung von „JUNG“ und „ERFAHREN“, die internationale Klasse des Teams, die Breite des Kaders und die daraus resultierende Flexibilität, die Fähigkeit, Spieler womöglich 1:1 ersetzen zu können… all das beflügelt mich. Für all diese Transfers musste der BVB nicht einmal an den Sparstrumpf gehen! Ich könnte platzen vor Neugier, um endlich Tuchels Handschrift und Mannschaft im ersten Pflichtspiel erleben zu können. Das Potential zu einem neuen Fußballmärchen ist vorhanden, mit André Schürrle und Mario Götze nicht in der Rolle des „bösen Wolfs“, sondern als „Jäger“!



Letztendlich geht es um den BVB – und die verantwortlichen haben seit 2008 kaum einen Fehler gemacht. Noch nie in seiner Geschichte hat der BVB so kontinuierlich „oben“ mitgespielt wie seit dieser Zeit und sich dabei finanziell nicht übernommen. Aber vielleicht ist das der Grund, warum „Fans“ so über Rode, Götze und Schürrle herfallen: Es geht uns zu gut; die Erwartungshaltung ist derartig hoch, dass bajuwarische Charakterzüge auftreten - Der Verein ist nix, wenn er keine Titel holt. Das sind die eigentlichen „Erfolgsfans“ und nicht diejenigen, die nach gewonnener Meisterschaft ihren Weg zur Borussia gefunden haben.

Nein - Nörgeln, Meckern, Pöbeln und Hass gegen Neuverpflichtungen hat es für uns „Alte“ nicht gegeben. Während diese Zeilen geschrieben werden, gewinnt der BVB in Schanghai 4:1 gegen Manchester United. Mor einfach klasse, Aubame sowieso, Dembele ein Genuß, Castro treffsicher und Papa Sokratis eine Bank. Ich kann nicht alle aufzählen, aber was ich gesehen habe, hat mir unheimlich gut gefallen. Aber tiefe, innige Zufriedenheit und Glück habe ich empfunden, als im Stadion rund von der in Minderheit vertretenen Asien-Borussen ertönte: „Ale, Ale, Ale, Alleoh! BVB – NullNeun!“ In China.

Genau so haben wir das früher gemacht: Keine Hassorgie im Internet, sondern „old school“ auf den Rängen. Für den BVB. Heute, in unserer Gegenwart, inzwischen sogar in Asien. Davon hätten wir damals nicht einmal geträumt.

Opens window for sending emailErnst Andersch,  Michael Roeser (Fotomontage) - 14.07.2016




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