Erst der Knall, jetzt die Fakten

Es war wie der Stich in ein Wespennest und ein Aufreger schlechthin: Die KIRSCHE-Glosse: „Ihr habt einen Knall!“ Unzählige Kommentare erreichten die Redaktion, Fallbeispiele Betroffener, denen auch körperliche Gewalt angedroht wurde, ließen uns am Verstand der Menschheit zweifeln und in den vielen Diskussionsrunden tauchte auch der eine oder andere Pyrotechnik-Befürworter auf mit zweifelhaften Parolen und der schamlosen Unwahrheit: „Da ist doch nie etwas passiert!“

Zuerst das Positive: Pressesprecher Jan Schabaker vom Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW sagte gegenüber der KIRSCHE: „BVB-Fans sind bei Heimspielen im Verhältnis zu anderen eigentlich ganz lieb… “ Ein Hoffnungsschimmer für unsere Fankultur. Doch Schabaker schränkt ein: „[...]bei Auswärtsspielen allerdings ein massiver Problemfall.“

Ganz aktuell hat Borussia Dortmund auf diese Entwicklung reagiert und den drei Ultragruppen, "The Unity", "Jubos" und "Desperados", das Privileg der Auswärtsdauerkarte (ADK) entzogen. Diese sind nun gezwungen, sich ihre Tickets anderweitig zu besorgen. Noch nie hat der BVB eine solch drastische Strafe für seine Ur-Fans umgesetzt. Dennoch ist es auch ein Zeichen der Hilflosigkeit, denn niemand weiß, was man noch machen kann, um Gewalt und Pyrotechnik in den Stadien Einhalt zu gebieten.

Fakt ist, es stellt eine Kollektivbestrafung dar – man erwischt so zwar vermeintlich die Richtigen, es sind aber auch Unschuldige dabei. Denn „Ultra“ zu sein bedeutet nicht, gleichzeitig auch Hooligan oder Pyromane zu sein. Bestraft wird im Fall der „Unschuldigen“ möglicherweise aber deren Solidarität gegenüber ihren Ultrakameraden oder Freunden, die durch Banner geschützt werden bei der Vorbereitung der „Pyroshow“ oder sich nach erfolgter Tat hinter den Bannern umziehen, um sich so der Strafe zu entziehen.



Denn diese - nennen wir sie mal Aktivisten - sind mittlerweile so gut organisiert, dass sie das geltende deutsche Recht bis zum letzten Schlupfloch ausnutzen. Wenn ein Täter nicht einwandfrei ermittelt werden kann, kann auch nichts passieren. Sturmhauben und gleiche Kleidung tun ihr übriges. Die Täter sind trotz millionenteurer Videoanlagen nur in den seltensten Fällen zu fassen bzw. zur Rechenschaft zu ziehen. Selbst die Rechtsprechung ist sich uneins, wie mit diesen provokativen Vorgängen umzugehen ist. Mit ihrem Slogan „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ haben die Nutzer derselben sogar in gewissem Maße recht und verbreiten diesen Slogan ungeniert, weil sie mittlerweile auch über eine gut funktionierende Öffentlichkeitsarbeit verfügen. Aber wie es bei populistischen Maßnahmen üblich ist, wird der größte Teil der Wahrheit verschwiegen.

Grundsätzlich haben wir es zuerst einmal mit einer Ordnungswidrigkeit zu tun, wenn man Pyrotechnik an Orten verwendet, wo derartiges z.B. gemäß einer Hausordnung untersagt ist. Unerlässlich dabei ist, dass die Bundesanstalt für Materialforschung- und -prüfung (BAM) eine Zulassung erteilt hat und die Pyrotechnik über die „CE“-Kennzeichnung verfügt. Das war es dann aber auch schon, denn aus der Ordnungswidrigkeit kann schnell eine Straftat entstehen: Haus- und Landfriedensbruch, Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und vieles mehr.

Wer sich einlesen möchte, hier sind alle notwendigen Informationen: http://www.feuerwerk-vpi.de/index.php?id=89 .

Auch DIE KIRSCHE fand in den Jahren nach ihrer Gründung (2003) die Feuerwerke im BVB-Fanblock zumindest faszinierend, ganz gleich ob daheim oder auswärts. Das Problem ist, dass den pyrotechnischen Protagonisten der spektakuläre „BUMMS“ nicht genug war… es musste noch spektakulärer werden - aus welchen Gründen auch immer. Rauchbomben mussten her, nicht klassifizierte Sprengmittel aus Polen oder Tschechien und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks.


Mal Hand auf's Herz: Wer will wirklich so Bundesligaspiele schauen?

Illegale Pyrotechnik, die in Deutschland bzw. der EU nicht genehmigt wurde, weil sie selbst bei sachgerechter Handhabung unberechenbar ist… und die eine so starke Sprengkraft haben, dass sogar Gliedmaßen abgerissen werden können. Diese Sprengmittel explodieren auch durch Reibung oder leichte Schläge bereits in jenen Verstecken am Körper, in denen sie ins Stadion hineingeschmuggelt werden sollen. Da wird Magnesiumpulver in Kondome verpackt, um sie sich in den After einzuführen. Luftballons werden mit Schwarz- oder Magnesiumpulver befüllt, geschluckt und auf der Stadiontoilette ausgeschieden. In kleineren Stadien wird die Pyrotechnik schon Tage vorher z. B. unter gelockerten Fliesen und Platten versteckt, oder sonst wo.

Verstecke am Körper und in den Stadien gibt es viele, obwohl Abtastkontrollen durch geschultes Ordnungspersonal der Vereine vor dem Einlass stattfinden. Sie entdecken zwar zahlreiche verbotene Gegenstände, aufgrund des akuten Zeitdrucks an den Eingangstoren bleiben ihnen aber pro Besucher nur wenige Sekunden „echte“ Kontrollzeit. Deshalb gelangt immer wieder Pyrotechnik ins Stadion – und das trotz des diversifizierten Einsatzes von Sprengstoffhunden an manchen Spielorten. Auch das nutzen die Pyromanen aus: Sie erhöhen, je nach abgesprochenem Zeitpunkt und Kommunikation über Handys, den Einlassdruck auf die Ordner. Frisch und frei nach dem Motto: Einer wird schon durchkommen. Mit einem Bengalo im Hintern oder anderen pyrotechnischen Mitteln … . Im Notfall wird so ein Bengalo ja auch erst im Stadion zusammen gebastelt… in eine leere Seenotrettungs-Signalfackel mit CE-Zertifikat, um der Strafverfolgung nach dem bundesdeutschen Sprengstoffgesetz (SprengG nachzulesen hier: https://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/sprengg_1976/gesamt.pdf) zu entgehen.

DIE KIRSCHE hat mit Polizei, Bundespolizei und Sprengstoffexperten gesprochen: Niemand widersprach den Berichten der ZIS (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze), die für die Saison 2014/15 allein 887 Verstöße gegen das SprengG festgestellt hat. Und das nur bei Ligaspielen der 1. bis 3. Bundesliga - Europa League, Champions League, Regionalligen und DFB -Pokal nicht mit gerechnet. 2013/14 waren es sogar 1170. Der ZIS-Bericht für die Saison 2015/16 erscheint erst im September, die Berichterstattung in den Medien lässt aber nicht auf „bessere“ Zahlen hoffen. Wer alle Berichte für die vergangenen Jahre lesen möchte, hier entlang: https://www.polizei.nrw.de/artikel__68.html .



Leider ist der Mensch unglaublich vergesslich – „Wo ist großartig was passiert?“ fragen die einen… Die Gegner der Pyrotechnik können meist nicht direkt antworten, ohne Internetsuchmaschinen zu bemühen. DIE KIRSCHE-Redaktion hat dies für ihre Leser getan. Es ist nur ein Auszug aus der Medienlandschaft und den Daten des DFB:
  • 18 Monate Haft für Schalke-Fan: „Der Angeklagte und mittlerweile Verurteilte der S04-Fangruppierung "Hugos" hatte am 24. November 2012 bei der Partie gegen die Eintracht aus Frankfurt gemeinsam mit anderen Personen 19 Seenotrettungsfackeln entzündet. Dadurch waren toxische Gase ausgetreten, die acht unbeteiligte Stadionbesucher, darunter ein zwölfjähriges Kind, "zum Teil erhebliche Rauchgasvergiftungen" zugefügt hatten.“ (Quelle: http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/634374/artikel_18-monate-haft-fuer-schalke-fan.html)

  • Aue-Fan bekommt 1600 Grad heißes Bengalo ins Gesicht: „Drei durch schwere Verbrennungen verletzte Personen. Das ist die traurige Bilanz der Pyro-Randale einiger Chaoten beim Pokalfinale zwischen Aue und Zwickau:“ (Quelle: https://mopo24.de/nachrichten/spezialklinik-aue-fan-bekommt-1600-grad-heisses-bengalo-ins-gesicht-68284)

  • Eine Verletzte durch Pyrotechnik: „Das Abfackeln von Rauchkörpern und Leuchtfackeln auf der Nordtribüne beim Heimspiel gegen den 1.FC Nürnberg hat mindestens eine Verletzte gefordert. Eine Besucherin erlitt nach Polizeiangaben "nicht unerhebliche Brandverletzungen". Die Polizei ermittelt u.a. wegen gefährlicher Körperverletzung.“ (Quelle: http://www.scfreiburg.com/teams/profis/meldungen/eine-verletzte-durch-pyrotechnik)

  • Erfurt: Pyrotechnik verletzt Siebenjährigen: „Neben der Pyrotechnik wurden auch Leuchtraketen aktiviert, die in Richtung des Gästeblocks abgefeuert wurden. Die Polizei, die nach dem Spiel rund 25 Personen zur Identitätskontrolle festhielt, bestätigte, dass der verletzte Junge ein Knalltrauma und Verbrennungen am Rücken erlitten habe, ein anderes Kind klagte über Atemnot.“ (Quelle: http://www.kicker.de/news/fussball/3liga/startseite/641278/artikel_erfurt_pyrotechnik-verletzt-siebenjaehrigen.html#omsearchresult)

  • Mehrere Verletzte nach Pyro-Eklat bei Aue gegen Zwickau: „Auch nach Abpfiff flogen weiter Leuchtraketen zwischen den einzelnen Blöcken hin und her. Insgesamt wurden mehrere Personen verletzt, drei wurden laut “Mopo24” mit Verbrennungen im Gesicht in ein Krankenhaus gebracht.“ (Quelle: http://www.liga3-online.de/mehrere-verletzte-nach-pyro-eklat-bei-aue-gegen-zwickau/)

  • Pyrotechnik im Fortuna-Block - Vierjähriger verletzt: „In der 70. Spielminute entrollen Chaoten im Gäste-Block ein Transparent mit einem Porträt von Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp – dahinter zünden sie Bengalische Feuer. Der Rauch hüllt nicht nur sie, sondern auch den Nebenblock in Nebel. In dem sitzt unter anderem ein Vierjähriger. Er erleidet eine Rauchgas-Vergiftung und eine Augenreizung. Der Junge muss ins Krankenhaus.“ (Quelle: http://www.rp-online.de/sport/fussball/fortuna/vierjaehriger-verletzt-wie-sicher-sind-stadien-aid-1.3313021)


Die Liste ließe sich endlos fortsetzen – Gehörverlust, Brandwunden, Behinderungen, die manchen der Betroffenen sogar den Job gekostet haben.

Die Frage, die sich stellt ist: Wann hört dieser Wahnsinn endlich auf? Wie viele Menschen müssen, überwiegend gezeichnet für ihr Leben, noch auf die Verletztenliste kommen, damit die Pyromanen aufhören? 100? 1000? 10.000? Oder muss erst einer sterben, der „nur“ ein Fußballspiel seines Vereins schauen und sich mit seinen Freunden vergnügen wollte? Borussia, Eintracht, Schalke bis in den Tod?

Neben dem menschlichen Leid kommen Strafzahlungen hinzu. „Faszination Fankurve“ führt schon seit Jahren eine Liste dazu. (http://www.stadionwelt.de/sw_stadien/index.php?head=Strafenkatalog-der-Hinrunde-201516-&folder=sites&site=news_detail&news_id=13429)

Das Magazin „Stern“ berichtet: „Dortmund führt das Ranking für Strafzahlungen an DFB und Uefa in der Saison 2014/15 und in der Hinrunde 2015/16 deutlich an (siehe Grafik), insgesamt blechte der Klub in diesem Zeitraum  230.000 Euro. Der 1. FC Köln folgt mit 200.000 Euro auf dem zweiten Platz. Dahinter liegt der HSV mit 132.000 Euro vor Schalke 04 mit 102.000 Euro und Eintracht Frankfurt mit 90.000 Euro. Die Bayern zahlten 35.000 Euro und Mainz 9.000.“ Neben diesen Zahlungen stehen auch Bewährungsstrafen im Focus, die, wie bereits am 21. März 2014, sogar eine Vollsperrung der Südtribüne des BVB zum Inhalt hatten.



Es ist aber noch schlimmer: Eigenen Fans wird Gewalt angedroht und Handys entwendet, damit von den Tätern keine Fotos gemacht werden können. Ebenso werden eigene Fans mit Gewalt von ihren Plätzen vertrieben (Namen Betroffener sind der Redaktion bekannt). Sieht so die „BVB-Familie“ aus? Wieso ist es nicht möglich, die Fairness, die unsere Spieler auf dem Platz beweisen, nicht auch auf den Rängen zu leben?
Nach all diesen Vorfällen der letzten Jahre sind wir weit davon entfernt, die „besten Fans“ der Liga zu sein. Aus den Reihen der Pyromanen bekommt man dennoch nur ein Schulterzucken: Die Gelder für Strafzahlungen seien ja sowieso eingeplant im Budget des BVB. Hunderttausende Euro, die allerdings an anderer Stelle irgendwann fehlen könnten.

Auch wenn das Westfalenstadion unser Wohnzimmer ist – wir haben es nur zeitweise „gemietet“. Und wie in jedem Mietshaus gibt es eine Hausordnung und gelten die deutschen Gesetze. Alle müssen sich dran halten, sonst wird man gekündigt. Dieses Recht hat auch der BVB! Und bei all der Planung, den Absprachen, der bewussten Pyro-Schmuggelei, der Vermummung und Gewaltanwendung muss man den Tätern Vorsatz unterstellen. Vorsatz, bewusst etwas Verbotenes zu tun, dem Verein finanziell zu schaden und die Gesundheitsgefährdung anderer Zuschauer, Ordner usw. in Kauf zu nehmen.

Es wird Zeit, dass die anderen Fans im Stadion skandieren: „Wir wollen keine Pyro!“ Verletzte und Geldstrafen hat es jetzt wahrlich genug gegeben.

Opens window for sending emailErnst Andersch, Fotos: Archiv/Getty Images- 14.07.2016






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