Unser Fußballtempel wird 40: Liebesbrief an ein Stadion

Am 2. April 1974 wurde das Dortmunder Westfalenstadion feierlich seiner Bestimmung übergeben. Doch was ist eigentlich seine Bestimmung? Das Stadion an der Strobelallee ist ein Ort der Begegnung, der Freude, der Trauer, der ganz großen Gefühle, es ist ein Museum für Gemälde menschlicher Leidenschaft, ein Sehnsuchtsort. Zum Geburtstag eines Fußballtempels, der seinesgleichen sucht, schreibt Uli Vonstein einen Brief

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Tempel!

Als am 2. April 1974 zum ersten Mal ein Fußballspiel auf Deinem Rasen stattfand, war ich noch keine zehn Jahre alt. Wenige Monate später sah ich Dich zum ersten Mal in meinem Leben, in schwarzweiß und im Fernsehen. Vor der „Geisterkulisse“ von 27.000 Zuschauern spielten Zaire und Schottland um Weltmeisterschaftspunkte in der Gruppe 1. Vollkommen unverständlich für mich, dass dieses Spiel so wenig Leute sehen wollten: im einzigen reinen Fußballstadion Deutschlands, zwischen zwei - meiner kindlichen Meinung nach - phantastischen Teams (die Schotten gewannen übrigens 2:0). Dass sich aus diesem ersten scheuen Blickkontakt im Lauf der Jahre eine feste Beziehung entwickeln würde, konnte seinerzeit wohl niemand ahnen.  Die ersten, die eine Art Beziehung mit Dir eingingen, waren die holländischen Fans. Sie durften Dortmund gleich drei Mal in Oranje tauchen: beim 0:0 gegen Schweden sowie beim 4:1 gegen die biederen Bulgaren während der Gruppenspiele. Und in einem der besten Spiele der ganzen WM, als Cruyff & Co. das satte, selbstgefällige Brasilien mit 2:0 auseinandernahm und sich zum Titel-Favoriten aufschwang. Nur vier Spiele fanden im kleinsten der WM-Stadien statt, und Du warst auch nur eine Notlösung: Dass Du überhaupt dabei warst, lag an den Unzulänglichkeiten der Stadt Köln, die fest als Austragungsort eingeplant war, es aber nicht auf die Kette kriegte, rechtzeitig ihre Spielstätte fertigzustellen (schon damals hatten Fertigstellungsdaten in der Domstadt allenfalls empfehlenden Charakter, woran sich bis heute - nicht nur Dom und U-Bahn lassen schön grüßen - wenig geändert hat). Dir und Dortmund konnte das herzlich egal sein, die Stadt bekam das erste Stadion in Deutschland, das ausschließlich dem Fußball-Gott geweiht war und Borussia eine Heimat, um die sie bis heute viele beneiden. Anfangs musstest Du Dir Zweitligafußball in deinen Mauern gefallen lassen, zum ersten Ligaspiel (7. April 1974) kam Bayer Uerdingen, Tore Fehlanzeige. Weitere "illustre" Namen auf der Gästeliste in jenen Jahren: Barmbek-Uhlenhorst, Gütersloh, Göttingen, Wilhelmshaven oder Wacker Null-sach-ich-nicht Berlin. Zudem gab es Anmutungen von Derby bei Spielen gegen den 1. FC Mülheim, die SpVgg Erkenschwick und RWO. Auf Dein erstes "richtiges" Bundesligaspiel musstest du eine geraume Zeit warten, als es stattfand, hielt sich die Zahl der Dortmunder Besucher in übersichtlichen Grenzen. Denn die Begegnung lautete VfL Bochum gegen sach-ich-erst-recht-nicht Gelsenkirchen, ausgerechnet an Deinem zweiten Geburtstag! Wie es dazu kam, ist eine wunderbare Anekdote und nachzulesen im famosen Buch ' Spieltage: Die andere Geschichte der Bundesliga' von Ronald Reng. Bochums damaliger Trainer Heinz Höher verwandelte vor dem eigentlichen Spieltermin den Platz im Stadion an der Castroper Straße in einer nächtlichen Aktion mithilfe von Wassereimern, dem Platzwart und gefrorenem Boden in eine unbespielbare Eisfläche, damit die Partie verlegt werden musste und Bochum (wegen Umbaus des eigenen Stadions) nach Dortmund ausweichen konnte, was dem VfL eine deutlich höhere Einnahme bescherte. Großartig! Verzeih' bitte diesen kleinen Exkurs und die Erwähnung eines anderen Stadions, ab sofort geht es wieder ausschließlich um Dich. Ich habe dich in jenen Jahren nur aus der Ferne anhimmeln können, wir wohnten 120 Kilometer entfernt. Ab und zu sah ich Dich im Fernsehen, eher selten durfte ich Dir wenigstens ein bisschen nahe sein - als kleiner Knirps auf dem Rücksitz von Papas Auto. Wenn wir zufällig vorbeifuhren, habe ich mir die Nase an der Scheibe plattgedrückt, sobald ich Deine Flutlichtmasten entdeckte - solange, bis sie längst wieder aus dem Blickfeld waren.

Unser "erstes Mal"

Wie die anderen Borussen-Fans begannen, in Dir heimisch zu werden und Besitz von Dir zu ergreifen - das alles kenne ich nur vom Hörensagen. Nach dem Wiederaufstieg des BVB in die höchste Klasse dauerte es leider noch über ein Jahr, ehe ich Dich persönlich kennenlernen durfte. Für unser erstes Mal musste ich meinen Eltern eine faustdicke Lüge auftischen, denn sie hätten einem Stadionbesuch des 13-jährigen Knaben im fernen Dortmund niemals zugestimmt. Obwohl Du nicht ganz ausverkauft warst und trotz der 0:2-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt an jenem 27. August 1977 war es direkt um mich geschehen. Ich fand Dich auf Anhieb klasse und wusste ganz genau: Wir wollen, wir müssen und wir werden uns wiedersehen! Was ich nicht wusste war, dass es leider erneut über ein Jahr dauern sollte und dass unser zweites Treffen das erste bei weitem übertreffen sollte, denn diesmal durfte ich Dich dort spüren, wo Dein Herz schlägt, auf der Süd. Wieder war das Spiel nicht ausverkauft, obwohl es gegen den damals großen 1. FC Köln ging. Was standen an jenem 30. September 1978 für Granaten auf dem Platz: Schumacher, Konopka, Neumann, Cullmann, Dieter Müller und der belgische Millionenstürmer van Gool. Unsere mochte ich viel lieber, aber Theis, Segler und Vöge klangen recht bieder im Vergleich zu den prominenten Geißböcken. Unser Trainer hieß Rühl, deren Weisweiler… Insofern wertete ich das torlose Remis als Erfolg und war davon abgesehen einfach nur begeistert, angesteckt von dem Wahnsinn, der um mich herum passierte: Was Du für Leute kanntest, was Du für Freunde hattest - all' diese coolen Kerle in ihren phantastischen Kutten oder diese schrankenlosen alten Säcke, die ohne Unterlass Unaussprechliches herausschrien, das in den Mund zu nehmen ich mich niemals getraut hätte - es war einfach nur geil! An regelmäßige Treffen war trotz des Umstandes, dass ich nun vollends angefixt war, leider weiterhin nicht zu denken. Dankenswerter Weise änderte sich dies in den 80ern grundlegend, wir sahen uns nun häufiger und meine Zuneigung zu Dir wuchs von Mal zu Mal. Wir durften große Spiele zusammen erleben, wir mussten unterirdisches Gekicke über uns ergehen lassen. Wir haben ungezählte Spieler, Trainer und Offizielle kommen und gehen sehen.

Tränen in den Augen und Kummer im Herzen

Wie in jeder Beziehung gibt es natürlich auch Wermutstropfen, bedenke all' die Momente, die ich so gern mit dir geteilt hätte, aber nicht konnte, weil ich keine Karte bekam. Um die Relegation beneide ich alle Deine Besucher ebenso wie um das erste Europapokalspiel nach der Wiederauferstehung. Borussias erste Meisterschaft nach 32 Jahren habe ich auf dem Friedensplatz auf der Leinwand gesehen, Tränen der Freude in den Augen und einen kleinen Stich Kummer im Herzen, weil ich nicht vor Ort dabei sein konnte. Es dauerte so verdammt lange, bis auch ich diesen unglaublichen Moment erleben durfte, mit dir deutscher Meister zu werden. Als sei es gestern erst gewesen, erinnere ich mich an den Augenblick, als Enrique Ewerthon den Ball gegen Werder Bremen über die Linie drückte und an die anschließende Explosion der Gefühle. Die Gänsehaut, die ich in diesen Sekunden und erst recht nach dem Abpfiff hatte, war dicker als jeder Norwegerpulli.   Durch einen glücklichen Zufall konnte ich seitdem so gut immer bei Dir sein bzw. selbst darüber bestimmen, denn dieses Spiel und - um es mit Hollywood zu sagen - "der Beginn einer wunderbaren Freundschaft" brachten mich in den Besitz der ersten Sitzplatz-Dauerkarte meines Borussen-Lebens (an dieser Stelle herzliche Grüße an Karl-Heinz und Rita!). Der Sitzer im Osten ist längst meine Heimat geworden und passt inzwischen auch besser zu meinem Alter und zu meinem maladen Rücken, aber ich werde auch die unzähligen anderen Erlebnisse auf der Süd, West und Nord nicht vergessen. In Deinen Mauern lässt sich nahezu die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle erleben, von größter Trauer bis hin zu höchstem Glück. Mit Dir kann man sich würdevoll verabschieden von Spielern, die man bejubelt, gemocht oder verehrt hat. Denke doch nur an die Abschiedsspiele von Susi Zorc, von Jürgen Kohler-Fußballgott und von Julio Cesar. Oder an die Blumen für Jan Koller und, mein Herz wird schwer, Leonardo de Deus Santos, der 13 Jahre lang unsere Nummer 17 war. Man kann sich bei Dir gehenlassen, bedenkenlos wildfremden Leuten um den Hals fallen, ohne sich komisch zu fühlen. Man kann sogar ohne den Hauch eines schlechten Gewissens Unflat von sich geben, als hätte man nie von politischer Korrektheit gehört. Längst gehöre ich zu jenen, die Dinge hinausposaunen, die mir früher die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Aber Du schaffst es, dass ich es dennoch tue und mir ganz normal dabei vorkomme. Du stiftest Bekanntschaft zu großartigen Zeitgenossen, lustigen Vögeln, bewundernswerten Menschen und herrlich schrägen Typen. Verrückt, was einige tun, um regelmäßig bei dir sein. Der Opa, der seit 1953 zu JEDEM Heimspiel unseres Ballspielvereins mit dem Fahrrad aus Witten kommt. Oder Joep, der stets gutgelaunte Holländer, der jahrelang seine kleine Tochter auf dem Schoß hatte. Großartig seine Fürsorge gegenüber dem Mädchen bei Pfeifkonzerten: Die Ohren des Kindes wurden links vom Bizeps des linken Arms geschützt, rechts von Papas linker Hand. Seine rechte Hand brauchte er nämlich, um im gehobenen zweistelligen Dezibelbereich mitzupfeifen. Herrlich! Nicht immer ist alles Friede, Freude, Eierkuchen, gelegentlich gibt es auch Zank und Händel, das will ich nicht verschweigen. Aber auch nicht unnötig vertiefen.

"Das kannst du jetzt nicht machen"

Oft habe ich mich gefragt, ob es einen Lieblingsmoment gibt, den ich in unserer Beziehung über alle anderen stellen würde. Die Antwort ist nein, denn es sind so verdammt viele, dass ich noch Tage weiter schreiben könnte. Drei möchte ich einfach erwähnen, einen besonders guten, einen besonders schlechten und einen besonders aufregenden. Der besonders gute lässt mich heute noch erbleichen, denn ausgerechnet er hätte ein besonders beschissener werden können. Wie so viele Besucher habe ich Dich und die Südtribüne an jenem Nikolaustag 1994 verlassen, obwohl das Spiel noch lief. Das Uefa-Pokal-Achtelfinale zwischen Borussia Dortmund und Deportivo La Coruna dümpelte in der Verlängerung, als ich mit gesenktem Haupt und voller Enttäuschung an Deiner Seite entlang schlich. Ganz leise hörte ich eine Stimme - es war Deine, oder? - sagen, "das kannst Du jetzt nicht machen!" Einer Eingebung folgend, nahm ich die nächste Treppe auf der Westtribüne, ging hoch und setzte mich auf einen freien Platz. Es gab ja genügend, weil so viele ehrlose Lumpen, wie ich um ein Haar einer geworden wäre, das Weite gesucht hatten. Deiner Stimme sei Dank durfte ich hingegen erleben, wie Kalle Riedle uns in Führung brachte und Lars Ricken eines seiner Jahrhundert-Tore schoss. Und anschließend einen Jubelorkan, der Dich in Deinen Grundfesten erbeben ließ - ich habe mir wirklich Sorgen gemacht, Du könntest zusammenbrechen. Weil auch die schlechten Momente zu unserer Beziehung gehören, soll einer stellvertretend stehen, auch wenn es beileibe nicht der schwärzeste war. Am 19. März 2000 spielten wir gegen Arminia Bielefeld. Gestandene Leute wie Kohler Möller, Ricken, oder Feiersinger gegen Laufkundschaft wie Maul, Stratos, Gansauge oder Waterink. Dachte ich zumindest. Mit einem blamablen Auftritt der Kategorie siebte Sohle brachte Borussia das Kunststück zuwege, trotz Führung durch Möller-Elfmeter sang- und klanglos mit 1:3 baden zu gehen. Miesester Laune und mit einem Gesicht wie Reklame für Nierenleiden stand ich von meinem damaligen Tagesplatz (danach habe ich die Westtribüne gemieden wie ein Abwehrspieler aus Uruguay einen Fairplay-Kurs) und drückte einem verschreckten kleinen Jungen meinen Schal in die Hand. "Hier, ich will die Scheiße nicht mehr haben", blaffte ich den armen Kerl an. Warum mir ausgerechnet das im Gedächtnis geblieben ist? Keine Ahnung - vielleicht aus schlechtem Gewissen gegenüber dem Kind. Unvergessen ist mir auch der 2. November 2003, eine emotionale Achterbahnfahrt im Weltrekordtempo. Grottenschlecht hatten wir gespielt gegen den Hamburger SV, der nach einer Stunde völlig verdient mit 2:0 führte. Unverhofft, mehr oder weniger aus dem Nichts machte Jan Koller den Anschlusstreffer. Während wir den noch bejubelten, pfiff der Schiri Elfer, wieder Koller, 2:2! Als kurz darauf Ewerthon das Spiel endgültig drehte, wähnte ich mich einem Herzkapser nahe, so sehr raste die Pumpe. Drei Tore in 300 Sekunden, aus einem Rückstand wurde ein Sieg, so etwas erlebt der gemeine Fußball-Fan höchst selten und umso froher bin ich, das mit Dir er- und überlebt zu haben.

Du bleibst immer unser Sehnsuchtsort

Die Jahre sind nicht spurlos an Dir vorübergegangen. Du bist mit dem Zeitgeist gegangen und hast den Namen eines anderen angenommen. Wie viele Deiner Besucher bist du im Lauf der Zeit etwas fülliger geworden, immerhin finden nach diversen "Schönheits-OPs" 80.000 Menschen in dir Platz. Deiner Anziehungskraft hat das keinen Abbruch getan. Dein Äußeres hat sich verändert, nicht zu Deinem Nachteil, wobei der Romantiker in mir manchmal noch vor seinem inneren Auge Deine Flutlichtmasten sieht, so wie man an ein besonders schönes, leider verloren gegangenes Schmuckstück denkt. So wie mir mag es vielen Borussen gehen, die heute an Deinen Geburtstag denken. Auch sie kennen die großen Gefühle, die unvermeidlichen Niederlagen, die süßen Siege. Auch sie haben Dir Freundschaften und Beziehungen zu verdanken, die vielleicht bis ans Lebensende halten. Ob sie Dir auch alle schreiben? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Du für mich nicht nur - wie für die Londoner 'Times' - das "schönste Stadion der Welt" bist. Du bist weit mehr: das einzig echte, das einzig wahre - unser Sehnsuchtsort. Und Du wirst es immer bleiben. Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailUli Vonstein, 2. April 2014 Fotos: Brinja Bormann / Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.pflichtlektuere.com (Titelbild), Christopher Neundorf, Archiv


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