„Wenig Lemon, bitte“: Trainer-Legende und BVB-Retter Udo Lattek wird 80

Heute wird der erfolgreichste deutsche Klubtrainer 80 Jahre alt. Doch statt einer rauschenden Feier mit zahlreichen Gratulanten aus der großen Fußballwelt für einen „beeindruckenden Menschen und Trainer“ (Joachim Löw) wird es an diesem 16. Januar 2015 in Köln eher still sein im Pflegeheim Dom-Residenz. Dort kämpft der gebürtige Ostpreuße gegen die heimtückische Parkinson-Krankheit. Wenn man mit Freunden, Fußballfans oder anderen selbsternannten Experten eine der beliebten Bestenlisten anfertigt und es um die größten Fußball-Trainer aller Zeiten geht, könnte Lattek zu den Konsens-Kandidaten zählen, die auf fast jedem oder zumindest den meisten dieser Listen stehen. Udo Lattek. Ein Name, der die Phantasie und die Erinnerung anregt. Der große Meister des Fußballs gewann mit dem FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach insgesamt acht deutsche Meistertitel, außerdem alle drei Wettbewerbe im Europapokal (Landesmeister mit München, Uefa-Pokal mit Gladbach und den Europapokal der Pokalsieger mit  Barcelona). Begonnen hat er seine Trainerlaufbahn beim Deutschen Fußball-Bund, er assistierte dem „Mann mit der Mütze“ und litt an der Seite Helmut Schöns, als Deutschland im Finale von Wembley den Engländern unterlag. Als er 1970 dem Verband den Rücken kehrte und bei den Bayern anheuerte, gab es nicht wenige Skeptiker, die dem Jungspund den Wechsel in die tägliche Arbeit auf dem Platz nicht zutrauten. Vier Jahre später war er Trainer des ersten deutschen Europapokalsiegers der Landesmeister, im gleichen Jahr wurden sechs Spieler seiner Mannschaft Weltmeister. 1975 wurde er bei Borussia Mönchengladbach Nachfolger von Hennes Weisweiler und schaffte es tatsächlich, an die Erfolge des großen Vorgängers anzuknüpfen, auch wenn er zum Leidwesen vieler Gladbacher den Hurra-Stil der „Fohlen“ in eine etwas ruhigere Spielweise abänderte. Zweimal holte er die Schüssel an den Niederrhein, zudem führte er das Team 1997 ins Landesmeister-Finale gegen den FC Liverpool, das allerdings mit 1:3 verloren wurde. Zwei Jahre später verabschiedete er sich mit dem Uefa-Pokalsieg (damals im Hin- und Rückspiel, Gegner war Roter Stern Belgrad).

Gleich zweimal an der Strobelallee

Denn er war in seinen 24 Trainerjahren auch zweimal Trainer von Borussia Dortmund. Beide Male ging es nicht um Meisterschaften und Pokale. Als er 1979 zum ersten Mal an der Strobelallee anheuerte, war Lattek bereits fünffacher Meistertrainer, dem jungen BVB-Präsidenten Reinhard Rauball gelang ein echter Coup, eine solche Koryphäe zu der damaligen grauen Maus an die B1 zu locken. Borussia hatte nun einen Trainer, „der innerhalb von Stunden dafür sorgte, dass die Mannschaft unter Strom stand“, wie sich Manni Burgsmüller später erinnerte. Am Ende sprang für die Truppe, in der gestandene Leute wie Eike Immel, Lothar Huber, Goalgetter Burgsmüller, Laufwunder Votava und Peter Geyer standen, ein sehr ordentlicher sechster Platz heraus (die beste BVB-Platzierung in der Bundesliga seit Ende der 60er Jahre). Zudem kam die Mannschaft im Pokal bis ins Halbfinale, wo allerdings beim späteren Cupgewinner Fortuna Düsseldorf Feierabend war. In Dortmund herrschte Aufbruchstimmung, Aufkleber mit der Aufschrift 'Udo 80' zierten das Heck so manchen Autos. Man mochte ihn, den bisweilen kauzig wirkenden und nie um einen Spruch verlegenen Trainer. In seinem zweiten Jahr an der Linie beim BVB wurde die Mannschaft verstärkt, aus Gelsenkirchen kamen Rüdiger Abramczik und im Winter noch Rolf Rüssmann, zudem der unvergessene Isländer Atli Edvaldsson und "Eigengewächs" Erdal Keser. Erklärtes Ziel war es, um die Europapokal-Plätze mitzukicken, am Ende reichte es „nur“ zum undankbaren siebten Platz, Borussias Rückkehr aufs internationale Parkett wurde vertagt. Am 34. Spieltag stellte sich ausgerechnet Borussia Mönchengladbach im Westfalenstadion den europäischen Plänen der Dortmunder in den Weg (beim 3:0 für die Gäste trafen Hans-Günter Bruns, Lothar Matthäus und Winnie Schäfer), sämtliche Träume waren jäh beendet. Für den Trainer wurde diese Zeit durch einen schweren persönlichen Schicksalsschlag überschattet. Latteks 15-jähriger Sohnes Dirk erkrankte an Leukämie, 1981 erlag der Junge der tückischen, damals unheilbaren Krankheit. Lattek beschloss, Deutschland zu verlassen und eine neue Herausforderung im Ausland zu suchen. Er bat BVB-Präsident Reinhard Rauball um die vorzeitige Freigabe und übernahm das Traineramt beim spanischen Traditionsverein FC Barcelona, um sich Stars wie den Stürmern Enrique Castro González (genannt Quini) und dem Ex-Gladbacher Alan Simonsen zu widmen. Auch ein Deutscher stand in Reihen der Katalanen, der 21-jährige Bernd Schuster. Jahre später fragte ihn Lothar Huber, warum er denn „ohne Grund" seine Mannschaft verlassen habe und Lattek entgegnete: „Ich brauchte eine neue Aufgabe. Barcelona war schon damals der schwierigste Klub, der mich 24 Stunden am Tag gefordert und dadurch auch abgelenkt hat. Ich musste außerdem eine neue Sprache lernen, habe das in drei Monaten geschafft, brauchte nie einen Dolmetscher und habe beim ersten Training im Camp Nou vor 45.000 Zuschauern eine kleine Rede in Spanisch gehalten.“ Im Jahr eins nach dem BVB erreichte Lattek mit 'Barça' das Finale des Europapokals der Pokalsieger, in dem Standard Lüttich mit 2:1 bezwungen wurde. Im Sommer 1982 wechselte der argentinische Ausnahmespieler Diego Maradona zu Barcelona, das mit Migueli oder Carles Rexach ohnehin bereits viele Stars im Kader hatte. Zu Maradona hatte Lattek ein eher durchwachsenes Verhältnis. Als sich der Superstar 1983 bei einem Abfahrtstermin des Mannschaftsbusses verspätete, ließ Lattek den Bus ohne den Superstar abfahren. Wenig später wurde Lattek entlassen und durch den Argentinier César Luis Menotti ersetzt. Er vermutete stets, dass die spätere Hand und der heutige 'Bauch Gottes' für seinen Rauswurf verantwortlich war. Nach seiner Entlassung kehrte Lattek Spanien den Rücken und heuerte wieder in der Bundesliga an. Zur Saison 1983/84 übernahm er die Bayern ein zweites Mal. Sein ehemaliger Spieler Uli Hoeneß, inzwischen Bayern-Manager, hatte ihn zurück an die Isar gelotst. Lattek knüpfte umgehend an seine Erfolge aus den frühen Siebzigern an, ein weiterer Titel-Hattrick ziert seither das Münchner Briefpapier. 1987 unterlag das Team allerdings im Finale des Europapokals der Landesmeister dem FC Porto durch das sensationelle Hackentrick-Tor des Algeriers Rabah Madjer mit 1:2. In München prägte er Ausnahmespieler wie Karl-Heinz Rummenigge und Lothar Matthäus und festigte seinen Ruf als „erfolgreichster deutscher Trainer“. Berühmt wurde das Bild vom Trainer, der nach dem Titelgewinn 1987 (der zehnte der Bayern, damit waren sie Rekordmeister) den Zuschauern im Olympiastadion seine Hosen zuwarf und anschließend nur noch in Unterwäsche feierte. Getreu dem Motto: „Wenn es am schönsten ist, sollst du gehen“, überraschte der Startrainer alle und heuerte als Sportdirektor beim 1. FC Köln an. In seiner Wahlheimat prägte er eine erfolgreiche Ära, der FC avancierte unter dem aufstrebendem Trainer Christoph Daum zu einem ernsthaften Bayern-Jäger. In der Domstadt schwärmen sie noch heute von den Zeiten eines Bodo Illgner, Morten Olsen, Jürgen Kohler, Thomas Häßler, Tony Woodcook, Pierre Littbarski, Thomas Allofs, Uwe Rahn und und und. In die Lattek-Amtszeit fiel der legendäre Streit zwischen Daum und Bayern-Trainer Jupp 'Osram' Heynckes, der in einen unvergessenen Interview-Showdown im ZDF-Sportstudio gipfelte. Lattek gehörte zu jener Sorte Mensch, die man heute als 'Rampensau' bezeichnet. Zum einen verstand er es geschickt, das öffentliche Interesse auf sich zu fokussieren, zum anderen beherrschte er das Spiel auf der Medienklaviatur nahezu perfekt. So machte er in seiner Kölner Zeit mit einer putzigen Anekdote Schlagzeilen, als er einen blauen Pullover zum Glücksbringer hochstilisierte. Er vermied es, den Gerüchten zu widersprechen. Und so erzählte man sich hartnäckig, der Pulli würde nie gewaschen. Auch hieß es, Lattek würde das Teil aus Angst vor Dieben zwischen den Spielen im Tresor einschließen. Es gab kein Interview, keinen Fernsehauftritt und kein Spiel ohne diesen Pullover. Sage und schreibe 15 Spieltage lang blieb der 1. FC Köln ungeschlagen. Werder Bremen beendete den Pullover-Mythos und das Kleidungsstück wurde später für einen guten Zweck versteigert. 1992 legte Lattek dann einen Schatten auf sein Lebenswerk, zumindest wenn man selbiges durch eine schwarzgelbe Brille betrachtet. Er heuerte, vielleicht inspiriert durch die positiven Erfahrungen mit dem Pullover, bei den Blauen an und bescherte seinem Ex-Verein Borussia Dortmund prompt am 2. Spieltag eine bittere 0:2 Derby-Niederlage im Westfalenstadion. Es war Schalkes erster Sieg in Dortmund seit März 1972 und der Gästetrainer der Mann des Tages an jenem schwarzen 22. September. Doch das Glück war nicht von Dauer. Nach nur einem halben Jahr setzte 'Sonnenkönig' Günter Eichberg ihn kurzerhand in der Winterpause vor die Tür. Für Lattek stand fest, dass dieser Rauswurf seinen Rückzug aus dem aktiven Fußballgeschäft markieren sollte. Erhalten blieb er seinem Sport als meinungsfreudiger Kolumnist für diverse Zeitungen, außerdem wurde er beim damaligen 'Deutschen Sportfernsehen' erster Dauergast in der sonntäglichen Gesprächsrunde 'Doppelpass'. Seit dem Start der Sendung mit dem damaligen Moderator Rudi Brückner war er dabei, auch später mit Jörg Wontorra und anderem Namen für Sendung und Sender blieb er dem Format treu. 768 Sendungen unterhielt er das Publikum im Saal und vor den Empfangsgeräten, nahm nie ein Blatt vor den Mund und scheute keine Diskussion. Lattek wurde Fernsehkult. Doch „niemals geht man so ganz“, wusste schon Trude Herr, und so kehrte der Rentner doch noch einmal auf den Trainingsplatz und auf die Bank zurück. Als ihn im Jahr 2000 ein flehender Anruf des damaligen BVB-Präsidenten Gerd Niebaum erreichte, besserte der inzwischen 65-Jährige seine Altersbezüge in Rekordzeit gehörig auf. Borussia Dortmund rangierte fünf Spieltage vor Saisonende lediglich einen Punkt vor den Abstiegsplätzen. Guter Rat war teuer, die Lösung auch: Lattek nahm Niebaum neben einem üppigen, angeblichem Millionen-Salär sogar seinen Mercedes noch ab. Der Trainerfuchs ging das 'Unternehmen Rettung' clever an und holte sich sich als Assistenten Matthias Sammer zur Seite. In dieser Aufteilung ließ er den nicht unbegabten Sammer die Trainingsarbeit machen, während er sich als Publikumsmagnet Fans und Presse zuwandte und alles Störende von der Mannschaft fernhielt. Abseits der Öffentlichkeit balsamierte er die Seelen der Spieler, zeigte sein großes Geschick als Psychologe und Motivator und impfte dem verunsicherten Haufen zumindest wieder soviel Selbstbewusstsein ein, dass in einer Zitterpartie die rasante Talfahrt gestoppt und der Ligaverbleib geschafft wurde. Der Einstand des Duos Lattek-Sammer geriet mit einem 2:2 beim MSV Duisburg durchwachsen, doch der alte Fahrensmann fand, dass der Punkt „Gold wert“ sei. Immerhin wurde er von einer Mannschaft erzielt, die zuvor 12 Spiele ohne Sieg und sechsmal in Folge ohne Punkt geblieben war, sogar zuhause gegen Bielefeld und Unterhaching verloren hatte. Auch die Heimpremiere misslang, allerdings erwartungsgemäß, weil es gegen Bayern München ging und unglücklich zudem durch tätige Mithilfe von Jens Lehmann, der sich in jenem Frühjahr zum legitimen Nachfolger von 'Pannen-Ollie' aufzuschwingen schien. Am 4. März 2000 schließlich endete ein Albtraum in Schwarz-Gelb, Borussia Dortmund fuhr nach 14 sieglosen Spielen den ersten Dreier ein! Bei einem gefühlten Heimspiel in Stuttgart - die Borussengemeinde hatte sich auf allen erdenklichen Wegen mit Karten fürs Neckarstadion eingedeckt. 'Fußballgott' Jürgen Kohler hatte den BVB Mitte der ersten Hälfte in Führung gebracht, Pablo Thiam kurz nach dem Wechsel ausgeglichen. In der 66. Minute wechselte Lattek Heiko Herrlich für Barbarez ein, der Torjäger traf in der Nachspielzeit zum umjubelten Siegtreffer. „Das war eine schwierige Situation für mich“, sagte Lattek. „Meine Spieler wussten ja gar nicht mehr, wie man sich freut.“ Am vorletzten Spieltag gelang der Borussia zwar erneut kein Heimsieg, aber das 1:1 im Revierderby bedeutete tatsächlich den Klassenerhalt. Zu verdanken war dies einem feinen Tor von Ali Nijhuis acht Minuten vor dem Abpfiff, den Ergebnissen auf den anderen Plätzen sowie einem überaus milde gestimmten Herbert Fandel. Der Pianist aus Kyllburg verzichtet auf die schrillen Töne und seine Pfeife blieb stumm, als Jens Lehmann in der 77. Minute Schalkes Stürmer Emile Mpenza rüde attackierte. Rotwürdig, das gab der Sünder selbst zu. Den Borussen war es herzlich egal, der Klassenerhalt geschafft und Udo Lattek völlig durchnässt. „Angstschweiß“, sagte er, keineswegs von den Bierduschen. Am letzten Spieltag siegte der BVB 3:0 bei Hertha BSC, beendete eine Seuchensaison sondergleichen auf Platz 11 und sogar noch vor dem Revierrivalen. Für Udo Lattek war das endgültig sein letzter Auftritt auf der großen Fußballbühne, von der er als gefeierter Retter und noch reicherer Mann abtrat. Er spielte seine Fernsehrolle in allen Facetten, manchmal als der nette Onkel, lieber aber als Poltergeist. Im Kölner Stadtteil Lövenich konnte man ihn beim Kölschtrinken in seinem Stammlokal treffen, ebenso wie auf Flugreisen zwischen der Domstadt und München. Unser Borussenfreund Friedel wartete einst mit Lattek in der Lufthansa-Lounge am Konrad-Adenauer-Flughafen und wurde schmunzelnd Zeuge, wie der leckeren Genüssen nicht abgeneigte Fußball-Guru freundlich seinen Getränkewunsch vorbrachte: „Ich hätte gern noch einen Wodka-Lemon. Wenig Lemon, bitte!“ Ob ihm an seinem 80. Geburtstag jemand dieses reichen wird, wissen wir nicht. Gönnen würden wir es ihm allemal, einer Trainer-Legende, die nicht nur bei Borussia Dortmund unvergessen bleiben wird.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter, Uli Vonstein - 16.01.2015



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