Deutschland im Fußballfieber

"Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn‘s ihm gut geht, und eine, wenn‘s ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion", wusste schon Kurt Tucholsky der Welt zu berichten. Daran hat sich grundsätzlich nicht viel geändert, was die vor uns liegenden vier Wochen der Weltmeisterschaft gewiss einmal mehr untermauern werden, wenn König Fußball unsere Nation erfasst.

Dann werden die hier im Land lebenden knapp 82 Millionen Einwohner – mal mehr, mal weniger – zur Fußballnation. Vor den heimischen Fernsehern oder vor Riesenleinwänden beim Rudelgucken kommen sie dann zusammen, um Jogi’s Mannen die Daumen zu drücken und ihre Qualitäten als „heimlichem Bundestrainer“ laut Gehör zu verschaffen. Wir haben uns mal mit den verschiedensten Fanarten auseinandergesetzt...

Geübte Beobachter der Szenerie werden dann schnell bestimmte Verhaltensmuster erkennen, die man - nach Vorbild Tucholsky - getrost in zwei Kategorien unterteilen könnte, nämlich den „Vollblutfan“ und den „Hobbyfan“ - quasi als Gegenpart.  Erstgenannter neigt extrem zum Fanatismus. Egal ob der FC Ingolstadt 04 gegen die SpVgg Greuther Fürth ein „bayerisches Derby“ spielt, oder der VfR Aalen gegen den SV Sandhausen  ein Schwäbisches – er sitzt vorm TV und analysiert die Begegnung, denn Fußball ist sein Leben!

Seinen Verein unabänderlich im Herzen verankert, bleibt er natürlich auch bei der Nationalelf mit Feuereifer am Ball. Darum freut er sich wie ein kleines Kind auf die WM, denn sie gestaltet das Bundesliga-Vakuum als Sommerpause ohne wesentliche Ballpause. Der Vollblutfan wird wenig Schlaf kriegen die nächsten Wochen, denn er ist bei allen 64 WM-Spielen am Start. Selbst für Südkorea gegen Algerien nimmt er zur Not Urlaub, um ja nix zu verpassen.

Zwei interessante Absplitterungen ergeben sich dennoch aus seinem Selbstverständnis: zum einen der „Dozent“ und zum anderen der „Rivale“, der die wichtige Regisseur-Rolle auf dem Sofa aus purer Überzeugung einnehmen muss, damit sie nicht verwaist ist. Wie der Dozent ist er sehr belesen, wenngleich er sein Feind ist, da er immer stets die Kontraposition zu ihm einnimmt – und zwar aus Prinzip. Ob falsche Neun, Gegenpressing, Viererkette oder Raumdeckung – der „Dozent“ beschreibt es niemals fachkundig ohne Widerspruch durch den „Rivalen“, der dadurch nicht selten zum Wutausbruch gelangt.

Der Patriot unterteilt sich in den „Schreihals“ und den „Sterbenden“. Während ersterer immer parteiisch und über Gebühr laut – zum Beispiel bei Fehlentscheidungen – beim eigenen Team beängstigend emotional mitleidet, ist die Liebe des „Sterbenden“ schon fast gefährlich. Seine übergroße Angst zu Versagen und gar Auszuscheiden, frisst seine Seele auf. Zusammengekauert sitzt er da auf dem Sofa und zuckt zusammen, wenn er seinem Stöhnen freien Lauf lässt, als der Ball den Außenpfosten streift.

Der andere Typus, der Vollblutfan ist weit weniger aufgeregt – im Gegenteil. Sein Leitsatz ist von begrenzter Dauer und lautet schlicht: „Eigentlich gucke ich gar kein Fußball - außer wenn WM ist“. Er befindet sich daher auch nur maximal alle zwei Jahre im Einsatz, etwa wenn er die beiden Fähnchen am Auto anbringt und dabei im Einklang mit §23 StVO sogar darauf achtet, dass die Sicht beim Fahren nicht behindert oder andere gefährdet werden.

Leider ist er nicht überall gern gesehen, denn sein biederes Halbwissen kommt in fundamentalen Fankreisen nicht gut an. Er nervt echte Fußballfans durch offenkundige Unkenntnis und muss mitunter sogar die Abseitsregel auf einem Bierdeckel erklärt kriegen. Zudem ist das größte Turnier auf dem Erdball nicht wirklich interessant für ihn und wenn Jogis Jungs tatsächlich verkacken sollten ist‘s ihm einerlei, denn seine Welt geht ganz sicher nicht unter. In zwei Jahren ist ja schließlich wieder Europameisterschaft...

Doch aus diesen beiden Obergruppen der „Fan-Prototypen“ könnten locker zwei weitere Spezifikationen gebildet werden. So ragen aus dem „Vollblutfan ein Stück weit der „Experte“ und der „Patriot“ spielend heraus. Der Experte neigt dazu, sein aus Fachmagazinen und eigenen Live-Eindrücken erworbenes Wissen Kund zu tun. Fußball ist zwar sein Leben, aber bei weitem kein Spaß mehr, denn er weiß alles rund um Städte, Stadien und die Spieler. Seine persönliche WM-Vorbereitung begann mit dem Ende des Pokalfinales und seine Teilnahmen an WM-Tipps wurden chancenreich zeitnah an alle Medien versandt.

Der Patriot wiederum ist anders, eher geerdet. Er hat stets den Durchblick und diskutiert bei der Partie Nigeria gegen Japan taktisch auf hohem Niveau. Sobald aber seine Deutschen spielen, ist es mit der sachlichen Analyse vorbei. Jeder Zweikampf ist ein Foul des Gegners und muss mindestens mit Gelb geahndet werden. Die Taktik von Löw ist – je nach Spielstand – mal brillant und genial oder eben das Allerletzte. Er hasst Benachteiligungen und würde – wenn er könnte – dem Schiri das mal  so richtig beibiegen...

Sein Pendant Hobbyfan unterteilt sich noch einmal in den „Eventfan“ und den „Nebenbeigucker“. Eventfans sind von einer kindlichen Haltung geleitet und scheren sich einen Dreck um allgemeingültige Regeln und Bräuche. Der Fußball ist ihnen egal, denn sie lieben Partys. Besonders nach Public Viewing-Veranstaltungen, wenn dort alle einen Sieg – von wem auch immer – feiern. Sie sind dann mitten drin im kompletten DFB-Outfit, bewaffnet mit Vuvuzela, Tröte oder Trillerpfeife und drängen lautstark in den Mittelpunkt.

Der Nebenbeigucker ist das glatte Gegenteil. Er ändert seine Gewohnheiten nicht, will lediglich behaupten können, dass er das Deutschland-Spiel gesehen hat und das Ergebnis weiß, um nicht außen vor zu stehen. Das hindert ihn aber nicht daran, während der Übertragung ein Kreuzworträtsel zu lösen. Die Frage nach einem deutschen Stürmer mit polnischen Wurzeln und fünf Buchstaben kann er indes nicht beantworten. Wäre man streng, müsste man sogar noch weiterte Untergruppierungen vornehmen, denn der „Eventfan“ ließe sich mühelos noch in „Groupie“ und „Feierbiest“ unterscheiden. Groupies gibt es eigentlich ja nur beim weiblichen Geschlecht. Meist durch hauteng anliegende Trikots mit Nummer und Namen auf’m Rücken und reichlich Fanschminke zu erkennen, machen sie kein Hehl aus ihrem Lieblingsspieler und feuern ihn an – auch wenn er Ergänzungsspieler ist. Sätze wie: „ist der aber süüüüß“, sind bestens bekannt.

Das Feierbiest – frei nach Louis van Gaal – bucht bereits zwei Jahre im Voraus das Hotel, um jedes Gruppenspiel auf der Partymeile am Ballermann rund um den Megapark zu erleben. Nicht nur am Spieltag trägt er stolz den DFB-Dress und ist mitten in der Nacht meist auch einer der letzten, die es nicht wahrhaben können, dass es keine 5-Liter Eimer Sangria mehr zu schlürfen gibt und gröhlt dennoch seine eigens auswendig gelernten Fansongs.

Dieser Versuch einer ganzheitlichen Betrachtung erhebt selbstverständlich keinesfalls einen Anspruch auf Vollkommenheit, zeigt aber auf, mit was die (Fußball-)Nation binnen der nächsten Wochen konfrontiert ist und welchen Auswüchsen sie sich ausgesetzt sieht. Möge also der nächste Weltmeister gebührend gefeiert werden. Egal wie – Hauptsache Deutschland.


Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter, Zeichnungen: NW - 10.06.2014




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