Sieg gegen Mainz: So sah es die BVB-Bank

Vorab: Nein, ich saß beim Öffnet externen Link in neuem Fenster4:2-Sieg gegen den 1.FSV Mainz 05 nicht direkt auf der Bank von Borussia Dortmund – aber beinahe. Nur eine dünne Plexiglasscheibe trennte mich von den BVB-Verantwortlichen. Ein Bekannter von mir, der im Rollstuhl sitzt und seit Jahren Dauerkartenbesitzer ist, hat mich gefragt, ob ich ihn zum Spiel begleiten würde. Voraussetzung: Ich sollte ihn mit dem Auto abholen und ihn später wieder zurückbringen. Da lasse ich mich nicht zweimal bitten. Daher war es mir vergönnt, die Partie aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ein Erfahrungsbericht. Das erste Ziel des Tages war der Parkplatz C2, der für Behinderte, Medienvertreter und Reisebusse zur Verfügung steht. Nach dem Aufbau des Rollstuhls und dem Hineinhelfen des Bekannten in diesen, begann die Fahrt in Richtung Stadion. An dieser Stelle möchte ich einen ersten Kritikpunkt – ja es folgen noch weitere – anbringen. Zwar hat der BVB endlich für die Rollstuhlfahrer eine gute Idee gehabt – diese über das Volksbad an den eigentlichen Einlasskontrollen vorbei „zu schmuggeln“ – doch der kürzeste Weg dorthin ist leider nicht barrierefrei. Eine nette Volunteer nahm sich unser an und führte uns durch das Freibad. Durch einen Seiteneingang kamen wir nach den Drehkreuzen hinter der Südtribüne zum Stadionvorplatz. Die Stadiondeckel wurden noch mit Guthaben aufgeladen und ab ging es zum Stammplatz. An dieser Stelle muss ich wieder eine Kritik loswerden. Klar wollen wir alle möglichst pünktlich im Stadion sein, doch etwas Rücksicht auf andere zu Personen nehmen, sollte doch nicht so schwierig sein!

Die Aussicht von meinem Platz

Dann war es soweit. Nach der Begrüßung einer Vielzahl von netten hilfsbereiten Ordnungskräften und anderen Rollstuhlfahrern kamen wir am Platz an. Einfach nur herrlich: Auf Höhe der Mittelfeldlinie. Auf der Osttribüne. Direkt an der BVB-Bank. Der heilige Rasen wäre mit einem kleinen Hüpfer über die Werbebande einfach zu erreichen. Die Seitenlinie ist keine drei Meter entfernt. Näher geht es kaum. Nur die Offiziellen, Balljungen, Ordner und Kameraleute sind noch dichter am Geschehen. Zu meiner linken Seite eröffnete sich ein wunderschöner Anblick. Die Gelbe Wand erstrahlte vor mir in ihrer ganzen Pracht. Allerspätestens wenn „You'll never walk alone“ erklingt ist die Gänsehaut nicht mehr abzuwenden. Selbst die Nackenhaare standen mir zu Berge. Davor eilten die Spieler nach dem Aufwärmen in die Kabine, um sich abschließend auf die Partie vorzubereiten. Kevin Großkreutz, der zunächst auf der Bank Platz nehmen musste, war der Erste, der aus dem Spielertunnel kam. Er nahm auf der gemütlichen Sitzgelegenheit an der Außenlinie Platz und tapte seelenruhig seine Stutzen zu Ende. Nach und nach stießen die weiteren Reservisten dazu. Obwohl Pierre-Emerick Aubameyang schon einige Spiele im Westfalenstadion absolviert hat, blickte er mit offenem Mund in Richtung Gelbe Wand – verständlicherweise. Nun kam auch die medizinische Abteilung mit einer Vielzahl von Taschen und Getränken zur Bank. Als einer der Letzten ging Jürgen Klopp zu seinem Platz. http://www.fotos-kirsche.de/gallery/photos/289/59207126/_MG_1062.jpg Der Unparteiische pfiff die Begegnung an. Spätestens ab diesem Zeitpunkt stand Klopp unter Volldampf. Seinen Sitzplatz hätte man auch weitervermieten können. Selten war der Übungsleiter an diesem vorzufinden. Meist bewegte er sich am Rande seiner Coachingzone. Lange hielt es die BVB-Verantwortliche so oder so nicht in ihren Sitzen. In der 6. Spielminute gingen die Dortmunder in Führung. Die Freude über den Treffer war groß. Keinen hielt es auf den Sitzen. Die Kollegen beklatschten die Führung durch Milos Jojic. Doch den Zeitpunkt bis zum Wiederanstoß nutzte Klopp, um Abwehrchef Mats Hummels Anweisungen an die Hand zu geben. Kurz darauf der Schock. Wie aus dem Nichts erzielten die Mainzer den 1:1- Ausgleich. Klopp schluckte kurz und motivierte sein Team sofort wieder. Die Ersatzspieler analysierten den Gegentreffer bis aufs Kleinste. Plötzlich gab es Aufruhr auf der BVB-Bank. Ein Borusse blieb nach einem Zweikampf auf dem Boden liegen. Die beiden Ärzte sprangen daraufhin sofort auf und griffen sich ihre Medizinkoffer. Sie wagten die ersten Schritte in Richtung Spielfeld – aber Entwarnung. Es sah schlimmer aus, als es war. Dieses Szenario sollte sich während des Spiels noch wiederholen. Abermals war es Hummels, der von Klopp Anweisungen erhielt. Wenn ich die Geste richtig gedeutet habe, lautete die Botschaft: Lange Bälle schlagen! Doch der BVB blieb am Ball und setzte die Gäste unter Druck. Und prompt führten die Schwarzgelben wieder. Robert Lewandowski netzte kühl und überlegt ein. Wie bei einem Harlem-Shake tobten Klopp und die restlichen „Bankdrücker“.

VorschauRechts hinter Jürgen Klopp war mein Platz

Der Trainer versuchte, immer wieder einzugreifen. Wenn der erste Blickkontakt mit einem Spieler nicht klappte, presste Klopp die Lippen zusammen und versuchte, durch Pfiffe die Aufmerksamkeit des gewünschten Akteurs zu erhalten. Kein leichtes Unterfangen angesichts eines lauten und über 80.000 Stimmen starken Publikums. Selbst ich, der praktisch neben ihm stand, nahm die Pfiffe nur sehr leise war. Dann blieb ein Mainzer schmerzerfüllt am Boden liegen. Die Gelegenheit für den BVB-Coach sich Nuri Sahin zur Brust zu nehmen. Einige Worte wurden gewechselt. Spieler eilten herbei, um einen Schluck aus der Pulle zu nehmen. Die Partie blieb weiterhin spannend und temporeich. Unmittelbar nachdem dann der Pausenpfiff ertönte setzte Klopp zum Sprint in den Kabinengang an. Wie der Road Runner war er bis zum Ende der Pause urplötzlich nicht mehr zu sehen.   Zu Beginn der zweiten Spielhälfte wurden sämtliche Ersatzspieler, außer Alomerovic, zum Warmlaufen geschickt. Die Bilder wiederholten sich immer wieder. Klopp pfiff, gestikulierte an der Linie. Auch der als ruhig charakterisierte Co-Trainer Zeljko Buvac sprang nun des Öfteren auf und machte seinem Unmut Luft. Er zeigte ebenfalls mit Gesten Fehler und Verbesserungsvorschläge an.

Praktisch zum Anfassen

Nun kam es ganz dicke für den BVB: Oliver Kirch vertändelte den Ball im Mittelfeld, als die Aktion jedoch geklärt schien, unterlief Sahin dieser kapitale Bock, der es womöglich bis in den Jahresrückblick schaffen könnte. Sein Rückpass zu Tormann Langerak wurde von Okazaki abgefangen. Die Mienen und Gesten auf der BVB-Bank waren deutlich: Wie ist das denn passiert? Doch es ging weiter. Die Dortmunder drangen sofort auf die erneute Führung. Jede Torchance wurde fanatisch umjubelt. Plötzlich setzte sich Lewandowski auf der linken Außenbahn durch, zog in den Strafraum und Verteidiger Noveski stoppte den Polen mit zweifelhaften Mitteln. Pressesprecher Sascha Fligge hielt es nicht mehr auf dem Stuhl. Er rannte in Richtung Süd. Davor hatte ein gewisser Pay-TV-Sender einige Monitore aufgebaut. Er schaute sich einige Wiederholungen an, eilte zurück zur Bank und deutete an, dass es Elfmeter hätte geben können, ja müssen. Zwischendrin durfte man die erneute Führung bejubeln, da Piszczek nach einem Reus-Freistoß schulmäßig eingeköpf hatte.     Kurz darauf dasselbe Bild. Sascha Fligge lief zu den TV-Kollegen. Der Grund: Nach einem Eckball kratzte Doppeltorschütze Okazaki mit Hilfe der Hand den Ball von der Linie. Wieder wurden die Wiederholungen zu Rate gezogen. Resultat: Ein Kopfnicken vom Sprecher mit dem schwarzen Hemd. Abermals kein Elfmeter. Und der Trainier? Er suchte das Gespräch mit der vierten Offiziellen, Bibiana Steinhaus, in jener 67. Minute. Gemäßigt, gesittet, aber in der Sache energisch, trug er seine Sicht der Dinge vor. Nur zehn Minuten später gab es den fälligen Elfmeter, nachdem Bungert das Spielgerät – diesmal klar und für alle ersichtlich – mit dem Arm abwehrte. Klopp konnte nicht hinsehen und drehte dem nachfolgenden Geschehen den Rücken zu. Reus lief an und verwandelte souverän – sehr zur Freude des BVB-Trainers. Anschließend war der Arbeitstag für Reus beendet. Natürlich wurde mit allen Bankdrückern abgeklatscht. Der Flügelflitzer griff zur Flasche und begann noch auf dem Platz und kurz vor Spielende mit der Dusche. Die gesamte Bank erhob sich nach dem Abpfiff und ging geschlossen mit den anderen Spielern in Richtung Gelbe Wand, wo man sich nach einer tollen Leistung – verdientermaßen – feiern ließ. Für mich und meinen Bekannten hieß es nun den Heimweg anzutreten. Im Gewusel war es nicht ganz einfach, sich den Weg zum Auto zu bahnen. Achtung, Kritik: Einige Leute ignorierten mich, der ich den Rollstuhl vor mir herschob, und nahmen keine Rücksicht auf unsere Situation. ABER: Die Mehrzahl der Fans benahm sich mir und meinem Bekannten gegenüber vorbildlich. Sie setzten sich für uns ein und diskreditierten die „Ignoranten“. Einige boten uns von sich aus Hilfe an. Schließlich fuhren wir mit dem schönen Gefühl eines Sieges im Gepäck dem Sonnenuntergang entgegen. Danke BVB und Danke Fans für ein weiteres atemberaubendes Fußballerlebnis. Vorschau Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailArthur Makiela – 23.04.2014


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund