Wer braucht schon Wolfsburg?

Am morgigen Samstag ist es mal wieder soweit. Der VfL Wolfsburg kehrt in unserem schönen Westfalenstadion ein. Der Verein für Leibesübungen Wolfsburg, ein 100-prozentiges Tochterunternehmen des Automobilkonzerns Volkswagen, oder anders gesagt: Das personifizierte Ende jeglicher Fußball-Romantik. So hört man es hier und da gerne mal bei Fußballkennern heraus. Dies mögen wir für etwas übertrieben halten, aber um dieses Gefühl zahlreicher Fußball-Fans verstehen zu können, hilft eventuell der – zugegeben ambitionierte – Versuch, Wolfsburg etwas genauer zu betrachten - wenn es nicht Wolfsburg wäre. Wenn man die „Geldmaschine VW“ hinter dem Verein in den grün-weißen Trikots einfach mal ausblenden würde. Nur um zu schauen, ob da nicht mehr ist, als die Erinnerung an Roy Präger und Rama Lama-Ding Dong.


Zumindest etwas, woran man sich aufreiben kann. Einen Impuls, einen Reiz gar, den dieses Spiel mit diesem Gegner am Samstag irgendwo in meiner Fußball-Seele auslösen könnte. Es ist vielmehr die Suche nach einem Grund, dieses Spiel zu besuchen, wenn ich nicht sowieso einer dieser Menschen wäre, die das Westfalenstadion eh magisch anzieht, sobald das Flutlicht angeht. Manchmal gibt es ja solche Gegner, die Du keinesfalls verpassen willst. Traditionsvereine wie Köln, Erfolgsvereine wie Bayern, Scheißvereine wie Schalke. Wolfsburg aber - und das mögen mir ein paar wenige Menschen irgendwo zwischen Hannover und Braunschweig nun übel nehmen - ist mir völlig schnurzpiepegal. Da regt sich bei mir so viel wie bei... wie bei...nun ja, Dressurreiten. Wie dem auch sei. Selbst wenn Wolfsburg nicht Wolfsburg wäre, sondern ein „echter Verein“ aus einer großen Industrie- und Arbeiterstadt, eine Art niedersächsische Antwort auf Newcastle United, bliebe da immer noch der latente Mangel an Tradition, Leidenschaft und visionärer Substanz. Ich möchte nicht derjenige Schreiberling sein, der Kevin Keegan und Alan Shearer mit Roy Präger und Jonathan Akpoborie vergleicht. Ehrlich nicht. Das mag alles unfair klingen, aber der Grund, warum ich den Spaß an dieser wunderbaren Sportart stets über jeden Erfolg meines Vereins stelle, liegt irgendwo in einem Gefühl begründet. Ein Gefühl das aufkommt, wenn ich mich am Samstagmittag auf den Weg ins Stadion mache und durch eine Stadt laufe, die Fußball atmet. Wenn ich das Stadion Rote Erde erblicke, fällt irgendwo das Wort „Lissabon“ in meinem Kopf, obwohl ich damals noch nicht einmal auf der Welt war, aber stets davon höre. Ich sehe die Begeisterung, mit der ein Kevin Großkreutz das Trikot trägt, ich sehe 75.000 andere, die diese Großartigkeit des Vereins Borussia Dortmund ausmachen und mitleben. Und dann sehe ich Wolfsburg und denke an Autos. Auch wenn ich es ausblenden wollte.


So leid es mir tut, aber der VfL Wolfsburg wird niemals zu den Vereinen gehören, die sich im Fußball jemals mit einem Slogan wie "echte Liebe" schmücken dürften. Nicht nach großen Erfolgen und nicht nach noch größeren Rückschlägen, denn er ist das, was er auf dem Papier faktisch ist: Ein mittelgroßer Ausgabeposten im Geschäftsbericht von VW. Das mag ideologisch verbohrt, hochgradig unfair und nach den typischen Worten von Traditionsliebhabern klingen - und ich bin mir ziemlich sicher, dass es in Wolfsburg Menschen gibt, die dem VfL schon frönten, als Herr Garcia Sanz noch nicht jährlich die Millionen verteilte - aber genau diese Fans, diejenigen, die mit den Namen Olaf Ansorge oder Uwe Otto noch etwas anfangen können - werden vielleicht auch verstehen, warum niemand außer Ihnen Wolfsburg wirklich braucht. Christoff Strukamp - 04.11.2011


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
Aktuelle Infos // Pressekonferenz // Statistik
Copyright 2011 - Gib mich die Kirsche - Das Fußballmagazin aus Dortmund