"Fußballerisch. Unter Druck. 1:1 in Stuttgart"

Aus Stuttgart berichtet Christoff Strukamp.

Borussia Dortmund hat den fünften Bundesliga-Sieg in Folge denkbar knapp verpasst. Beim Gastspiel in Stuttgart kam der Deutsche Meister trotz guter Chancen und mehr Spielanteilen nicht über ein 1:1 hinaus. Immerhin: Lukasz Piszczek markierte mit seinem Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit der ersten Hälfte den 1000. Auswärtstreffer des BVB in der Bundesligahistorie. Stuttgart, gegen kurz vor Sechs am Samstag Nachmittag. In der Pressekonferenz will ein Journalist von VfB-Trainer Labbadia wissen „ob das die beste Saisonleistung seiner Mannschaft war“. Sekunden und gefühlte Stunden verfliegen, der Saal wird ruhiger und gespannter und der Trainer mit dem Lächeln von Thomas Anders und dem Maßanzug von Oli Geißen bewegt sich langsam in Richtung Mikrofon. Zeit und Mimik lassen erahnen, welch durchdachte Antwort nun kommt, lassen aber auch vergessen, wer da gefragt wurde. Statt mit staatstragender Rhetorik antwortet Bruno wie gewohnt im Stile eines „Wer wird Millionär“-Kandidaten bei der 500€ Frage. „Ähm. Ja. Also vor allem fußballerisch. Und unter Druck gegen so einen Gegner, also ja. ich würde sagen ja. Also in der 1. Halbzeit. Ja“. Antwort A. Also Ja. Ohne Joker. Applaus auch von Rechtsaußen. Klopp beugt vor, die Kappe tief in Gesicht gezogen...“Super, freut mich total zu hören, dass ihr ausgerechnet gegen uns so klasse spielt“, Gelächter im Publikum, Sieg für Borussi-ja. Leider der Einzige an einem Nachmittag, der für den Deutschen Meister schon reichlich suboptimal begann, denn dass der Schwabe ungern Zug und lieber Auto fährt, hatte zur Folge, dass es sich um das Stadion am Neckar dermaßen staute, dass der Mannschaftsbus des BVB erst verspätet den Weg ins weite Rund fand und Schiri Gräfe aus Berlin die Partie mit einer Viertelstunde Verspätung anpfiff. Der BVB begann, anders als unter der Woche gegen Dynamo Dresden, mit Perisic für Großkreutz, Weidenfeller für Langerak und mit Piszczek-Pass auf Lewandowski und dem ersten Pfostenschuss nach handgestoppten 170 Sekunden. Ein fulminanter Start der Borussia, die gleich nachlegte. Kagawa auf Götze, knapp vorbei (4. Minute), Götze auf Perisic, auch vorbei (5. Minute). Der VfB, vor allem fußballerisch unter Druck gegen so einen Gegner, ja, schien dennoch unbeeindruckt und konterte mit Okazaki und Cacau. Doch sowohl der Japaner, als auch der Deutsche, den sie in Stuttgart alle liebevoll „Helmut“ nennen, verpassten die ersten Chancen für Stuttgart (8. und 9. Minute). Dass man beim VfB im Nachhinein von der vielleicht, eventuell, wahrscheinlich besten Saisonleistung sprechen kann, lag auch an den Borussen, die es in den abwechslungsreichen und hochklassigen ersten 20 Minuten völlig unverständlich verpassten, in Führung zu gehen. Gleich drei Minuten nach der ersten VfB-Chance war es Sebastian Kehl, der einen sehenswerten Flugkopfball nach Schmelzer-Flanke aus dem Halbfeld nicht gut genug platzieren konnte. Acht Minuten später scheiterte Perisic mit einem Freistoß aus halblinker Position an Torwart Sven Ullreich. Besser machten es die Schwaben. Die Freistoß-Flanke von Hajnal fand Martin Harnik. Pfostenglück für Dortmund, doch Tasci staubte ab und traf zum 1:0 für Weiß-Rot. Übrigens jener Tasci, der mal Nationalspieler war, als Bruno Labbadia noch fußballerisch in Hamburg unter Druck stand. Damals. Der überraschende, aber auf Grund der gut geführten Partie nicht unverdiente Führungstreffer der Hausherren brachte den Meister nun leider völlig aus der Ruhe. Der BVB verstand es in der Folge kaum noch, Struktur in seine Angriffsbemühen zu bringen, Spielanteile und Chancen schwanden dahin und so war es eine Einzelaktion von Mario Götze, die Hoffnung machte. Das Ausnahmetalent tanzte sich unnachahmlich durch die Verteidigung der fußballerisch eigentlich gar nicht gehörig unter Druck stehenden Schwaben und wurde kurz hinter der Linie für alle klar ersichtlich regelwidrig zu Fall gebracht. Schiedsrichter Gräfe, eigentlich in Sichtweite des Geschehens, verweigerte zu Unrecht den fälligen Strafstoß. Warum, bleibt wohl sein Geheimnis. „Mario muss wohl erst ein Bein abgetreten werden“, ärgerte sich BVB-Vorstand Aki Watzke später zu Recht, "bis er mal einen Elfmeter bekommt". Immerhin sollte sich nun gezeigt haben, dass auch der VfB Räume ließ und so war es wieder Mario Götze der Sekunden vor dem Pausenpfiff einen wunderschönen Pass auf Kagawa spielte. Der Japaner legte, gewollt oder ungewollt, dem völlig freistehenden Piszczek am langen Pfosten den 1:1-Ausgleichstreffer auf. Frisch aus der Pause zurück legte der BVB nun den Grundstein für das spätere Chancenplus von 20:12 Torschüssen. Kagawa zwang Ullreich fünf Minuten nach Wiederanpfiff zu einer starken Parade, drei Minuten später schien der Spielmacher von einem Fehler des VfB-Schlussmans zu überrascht, als dass er die eigentlich schwache Hereingabe noch zu einer Chance hätte ummünzen können. Ab hier hätte es die Wiedergeburt des großen Shinji Kagawa werden können, doch der Dortmunder scheiterte nach exakt einer Stunde trotz sensationeller eigener Vorarbeit frei vor Ullreich. Es war die bis dato größte Chance in Durchgang Zwei, in dem der VfB einzig durch eine Kuzmanovic-Direktabnahme in der 56. Minute kurzzeitig für Aufsehen sorgte. Ansonsten diktierte der Meister aus dem Ruhrgebiet das Geschehen, drängte den Gastgeber in die Rolle der Kontermannschaft, blieb nach vorne aber in den Folgeminuten zu harmlos. Auch die Hereinnahme von Lucas Barrios (für Lewandowski) und Kevin Großkreutz (für Perisic) gingen zunächst mit keinem Offensivfeuerwerk einher, von Langeweile war man in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena aber weit entfernt. Die beiden Teams schenkten sich keinen Meter und agierten den eigenen Ambitionen entsprechend zeitweise auf sehr hohem Niveau. Da konnte auch eine etwas verunglückte Parade von Weidenfeller nach starkem Spannschuss von Traore nichts Gegenteiliges aufwerfen. In den Schlussminuten zeigte unsere Borussia noch einmal ihre scheinbar unendliche Erfolgsgier. Als der Großteil der Zuschauer bereits versucht, sich mit einem Remis der besseren Sorte anzufreunden, eröffnete ein Freistoß von Schmelzer den abschließende Chancenregen für die Gäste. Eine weitere Götze-Chance klärte der VfB dann zu dem Eckball, der den BVB fast wieder in Schlagdistanz zu den Bayern gebracht hätte. Doch den Kopfball von Subotic konnte Torwart Ullreich nicht nur sensationell gut auf der Linie parieren, er verhinderte durch einen Reflex auch noch den sehr wahrscheinlich erfolgreichen Nachschuss und besiegelte so das Unentschieden.
Am Ende kann der VfB einen fußballerisch unter Druck gegen so einen Gegner gewonnenen Pluspunkt feiern. Für unseren BVB ist ein Punktgewinn in Stuttgart sicherlich ebenfalls kein allzu unerfolgreicher Ausgang nach 90 intensiven und spannenden Minuten. Zumal die Partie heute weiter die Hoffnung nährt, dass der BVB in der kommenden Woche endlich auch auf internationalem Parkett eine gute Figur abgibt. Vor allem fußballerisch. Unter Druck. Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailChristoff Strukamp, 29.10.2011 > Stimmen zum Spiel">Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Stimmen zum Spiel > Noten zum Spiel">Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Noten zum Spiel


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