Peter "Erbse" Erdmann und die Geschichte des BVB-Walzers

Wenn Borussia Dortmund erfolgreichen Fußball spielt (und das geschieht ja in letzter Zeit erfreulicherweise  immer wieder regelmäßig), dann ertönt immer wieder der BVB-Walzer auf der Südtribüne oder aber in auswärtigen Stadien, wo die Anhänger in Schwarz-Gelb das Geschehen dominieren.

                      Öffnet externen Link in neuem Fenster"Ja, jetzt sind wir wieder da und die Massen schrei'n Hurra"

Doch die Geschichte die hinter dem BVB-Walzer steht, die kennt nicht unbedingt jede Person, die ihn intoniert. Um darüber zu informieren, veranstaltete das Borusseum am Vorabend des Spiels gegen Bayer Leverkusen "ein[en] Abend im Zeichen des BVB-Walzers". Moderiert wurde dieser Abend von Gregor Schnittker. Der WDR-Journalist ist ausgewiesener Fußball- und insbesondere BVB-Experte. Von ihm stammt beispielsweise auch das Buch "Revier-Derby", welches die Derbys zwischen Dortmund und Schalke thematisiert (siehe dazu auch Öffnet internen Link im aktuellen Fenster"Die Kirsche"-Bericht zur Buchvorstellung im Stadion am Schloss Strünkede in Herne, dem ersten Austragungsort eines Derbys zwischen den beiden Ruhrgebietsvereinen). Mit ein wenig Verspätung begann die gut besuchte Veranstaltung (zwischen dem Foto der Meistermannschaft mit den Autogrammen und den beiden Sängerboxen - direkt neben dem Nachbau vom Wildschütz) und direkt zu Beginn wurde bereits einmal der BVB-Walzer gemeinsam gesungen - und ein Großteil des anwesenden Publikums brauchte den ausgeteilten Text des Liedes nicht dazu. Direkt danach feuerte der eigentliche Star des Abends, Peter Erdmann genannt Erbse, noch ein paar altgediente Sprüche ins Publikum, nachdem er vorher schon den Text des Walzers auf die heutige (Spiel-)Zeit angepasst hatte und dann auch am Rande mal einen Hattrick in Sachen Deutscher Meister forderte.

Peter 'Erbse' Erdmann

Im Rahmen der eigentlichen Informations-Gespräche bat Gregor Schnittker das Dortmunder Urgestein Gerd Kolbe, der früher mal BVB-Pressesprecher, dann vor einigen Jahren WM-Beauftragter der Stadt Dortmund war und jetzt BVB-Archivar ist, auf das Podium. Eigentlich sollte der BVB-Intimus dann auch was zum BVB-Walzer sagen, konnte aber aus seiner anekdotenreichen Vergangenheit erzählen und so erfuhr man auch, dass das bekannte "Heja BVB"-Lied von K.-H. Bandosz beinahe am Widerstand des damaligen BVB-Präsidenten gescheitert sei. Nachdem jedoch die Lokal- und Sportpresse wohlwollend über das Lied berichtet hatte (nachdem Kolbe ihnen das Lied vorspielte), führte kein Weg dran vorbei - und noch heute gehört "Heja BVB" zum Standardrepertoire. Gerd Kolbe und Gregor Schnittker Doch neben dieser guten Entscheidung traf Kolbe in der Vergangenheit auch mal eine schlechte - wie beispielsweise die Verpflichtung von Roberto Blanco für eine Silvester-Veranstaltung des BVB im Jahr 1975. Satte 12.000 DM hatte Blanco damals für seinen Auftritt bekommen, der jedoch vollends in die Hose ging - und das nicht nur, weil der Künstler neben einem Rot-Weiss-Essen-Schal auch eine rot-weiße Jacke trug (weswegen ihn Kolbe damals in einer Art Retourkutsche als Roy Black ansagte...). Die Stimmung war ausgesprochen mies und Peter Erdmann sah seine Chance gekommen, redete auf Kolbe ein, der ihm dann erlaubte zusammen mit dem Orchester den BVB-Walzer zu intonieren, was ein voller Erfolg war, der sich auch schnell 'rumsprach. Im weiteren Verlauf des Abends im Borusseum wurde schnell klar, was ein Verein wie Borussia Dortmund an einem Fan wie Peter "Erbse" Erdmann hat, denn er besaß bzw. besitzt nicht nur Sanges- und Unterhaltungstalente (wie er eindrucksvoll vor dem Publikum bewies), sondern hat sich auch im BFC (Borussia Dortmund Fanclub), dem ersten Vorläufer seiner Art, stark engagiert. Doch damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht, denn Erbse Erdmann, der u.a. auch auf der Südtribüne für Ordnung sorgte und manch eine körperliche Auseinandersetzung verhinderte, machte sich zum Feind der Borussenfront. Diese Ansammlung elitärer Gesinnungsgenossen, die eher für ein eher dunkles Kapitel in der Geschichte der Fanszene steht, hatte etwas gegen Peter Erdmann und nach zwei Überfällen auf Erdmanns Kneipe am Borsigplatz (beim zweiten Überfall wurden auch seine Eltern schwer verletzt und sein Vater starb einige Monate später an den Folgen) zeigte sich auch, dass es der politisch rechts stehenden Borussenfront nicht einfach nur um eine Meinungsverschiedenheit ging, sondern man die eigene Meinung auch mit Gewalt durchsetzen wollte - womit eine Grenze der Meinungsfreiheit deutlich überschritten wurde. Dazu zeigte Gregor Schnittker eine gekürzte Fassung der ursprünglich 45 Minuten langen ARD-Dokumentation "Der treueste Fan - Ein Leben für den Fußball" aus dem Jahr 1983, die das Schicksal von Erbse Erdmann dokumentierte und eindrucksvoll beschrieb. Neben freudigen Momenten war aber vor allem die Vertreibung von Erdmann, der sein geliebtes Dortmund verlassen hatte, da er dem Druck nicht weiter standhielt, das Thema der erschütternden Dokumentation. Dass es so weit kommen konnte, dass Menschen sogar vertrieben werden können, hätte man sich so kaum vorher denken können.

Fast schon bezeichnend ein Teil der Dokumentation, aus der hervorging, dass Erdmann den größten Zuspruch und die meiste Unterstützung von einer Verkäuferin des "Wachtturms" erhielt.

Peter 'Erbse' Erdmann und Gregor Schnittker

Nach seiner Vertreibung war Erdmann fast ein Vierteljahrhundert nicht mehr in Dortmund - und als er dann von Gregor Schnittker im hessischen Raum des Taunus' ausgemacht werden konnte, glaubte der als verschollen geltende Kultfan glatt erst, dass Schnittker ein Schnüffler für die GEZ sei und wollte ihn nicht 'reinlassen. Neben Gerd Kolbe und Peter Erdmann selbst standen auch Peter Noisten (der damals den BVB Fan Club BFC gründete), Magnus Wollenhaupt (Vorsänger von The Unity) und Rolf-Arnd Marewski (vom Dortmunder Fan-Projekt) Rede und Antwort. Gerade letzterer knüpfte auch das Band der Vergangenheit in die Dortmunder Gegenwart: Das Dortmunder Fan-Projekt, welches laut dem Öffnet externen Link in neuem FensterWikipedia-Eintrag zur Borussenfront "noch heute vom Ruf [lebt], die 'Borussenfront beseitigt' zu haben", war erfolgreich, in dem es den Menschen dort Perspektiven bot und sie nicht ins Abseits schob. So etwas sei, so Marewski, bei den paar Dorstfelder Jungs, auch nötig. Doch zurück zum Abend im Zeichen des BVB Walzers:
Nachdem Erbse Erdmann nach Dortmund eingeladen wurde, hatte dieser erst Angst, dass er sich nicht in die Westfalenmetropole trauen könne - eben wegen der Geschehnisse von damals. Doch man versicherte ihm, dass er hier sicher sein könne. Der Moment in dem "Erbse" erstmals wieder Dortmunder Boden betrat, erstmals wieder "sein" Westfalenstadion sah, das war ein ergreifender Moment - so schilderten es jedenfalls die Personen, die dabei waren und bemerkten, dass Erdmann den Journalisten Schnittker dabei von tiefer Dankbarkeit beseelt anschaute. Es war an der Zeit sich an Peter "Erbse" Erdmann wieder zu erinnern - und das Borusseum war die geeignete Kulisse dazu!

Kurz-Interview Gregor Schnittker:

Wir sind hier im Borusseum und haben gerade einen Abend im Zeichen des BVB-Walzers erlebt. Was haben die verpasst, die nicht hier waren? Eine sehr stimmungsvolle Veranstaltung, denn Erbse ist ja auch ein Typ, der die Leute motivieren kann, mitzusingen. Wir haben die Geschichte von ihm und seinem Leben nachgezeichnet, was ja lange Strecken richtig klasse war als BVB-Fan, was dann aber Anfang der 80'er Jahre richtig tragisch wurde, nachdem er Theater mit der Borussenfront hatte und nach zwei Überfällen auf seine Kneipe aus Dortmund vertrieben wurde. Das haben wir erzählt und anschließend die Rückkehr, nach dem es uns gelungen ist, ihn wieder zu finden, ist das heute natürlich ein toller Abend für die Borussen-Familie. Da ist einer der buntesten Vögel und vielleicht auch eine der größten Legenden der Südtribüne wieder in Dortmund. Jetzt erstmal nur an diesem Wochenende - mal sehen was die Zukunft so bringt - man hat so den Eindruck, da schließt sich der Kreis. Wie bist Du auf die Idee gekommen nach Erbse Erdmann zu recherchieren? Ich bin ja nicht der Erste, der sich überlegt hat, was ist aus diesem Mann geworden. Ich habe im Rahmen des Derby-Buches gesehen, dass da wirklich die Recherche brach liegt. Ich hab jetzt in letzter Zeit auch wegen meiner Erkrankung etwas mehr Zeit gehabt, und habe einfach die Recherche vertieft und vorangetrieben und habe dann viel telefoniert, gemailt und gesprochen, bin vielen Leuten ganz schön auf den Geist gegangen mit meinem vordergründig erst mal kleinen Problem. Dann hatte ich irgendwann mal einen Erdrutsch in der Recherche gehabt, in dem ich über Meldebüros Auskünfte erhalten habe, die man sonst vielleicht auch nicht immer bekommt. Irgendwann stand ich dann vor einer Tür, an der das Namensschild Erdmann stand. Er wollte mich aber erst nicht 'reinlassen... Warum nicht? Er dachte ich wäre von der GEZ. Er hat sich gedacht, es kann nichts gutes sein, wenn da ein einzelner vor der Tür steht. Aber wir haben uns dann hingesetzt, wir haben uns lange unterhalten, sein Leben nachgezeichnet, die Frage versucht zu beantworten, warum er aus Dortmund weg gegangen ist, was er in der Zwischenzeit gemacht hat und ob er Bock hat wieder zurückzukommen. Die Recherche war für mich journalistische Pflicht - wenn man sich für Fußball, wenn man sich für den BVB interessiert und wenn man Spaß am Recherchieren hat, dann sowieso. Ich bin sehr froh, dass ich es gemacht habe. Das hat mir bis heute keinen einzigen Euro gebracht, aber das gute Gefühl jemanden eine Freude gemacht zu haben und ich denke, vielleicht auch dem BVB etwas zurückgegeben zu haben. Wie kam man dann auf die Idee zu diesem Abend? Die Überlegung wie man publik macht, etwas was es wert ist, einer größeren Öffentlichkeit nahezubringen.  Also habe ich beim BVB angerufen, denen gesagt, ich habe jemanden gefunden, den müsstet ihr kennen, den kannten sie auch und das war das ziemlich schnell ausgedacht: Themenabend im Borusseum, wir machen einen Abend im Zeichen des BVB-Walzers. Da musste man nicht so viele Türen öffnen. Der BVB hat Erbse auch eingeladen: Er wohnt, und isst und guckt Fußball auf Kosten des BVB, was ich im Grunde genommen für einen normalen Vorgang halte, aber auch einen sehr schönen Vorgang - das man so jemanden wie Erbse wieder mit offenen Armen empfängt. Dann wird der heutige Abend nur noch getoppt, wenn der BVB gewinnt und der BVB-Walzer gesungen wird? Also für mich ist der BVB-Walzer ein zentrales Lied der Dortmunder Fankultur. Ich habe es immer wieder gerne gesungen, auch mit meinen Kindern, auch in der Badewanne. Wenn es die Südtribüne singt, bin ich dabei. Was auf der Pressetribüne jetzt nicht so einfach ist, aber man kann es ja brummen. Wir haben ja mit dem Vorsänger von den Ultras gesprochen, vielleicht stimmt er es jetzt öfter mal an.

Ansonsten: Was hältst Du von Erbses Vorschlag den Titel zu verteidigen und gleich noch den Hattrick zu feiern? Das ist mir erstmal egal, ich bin ein demütiger Fan. Ich finde, dass das was wir gerade erleben, ist das Beste was wir, was ich zu mindestens in meinen 42 Jahren mit dem BVB, erlebt habe. Nee, wir müssen da mal den Ball flach halten. Wichtig ist, dass die Stimmung gut ist, dass die Jungs sich vernünftig benehmen, dass der Ball gut läuft und am Ende wird man sehen, ob was vernünftiges dabei 'rauskommt. Ob das immer gleich ein Hattrick sein muss?! Erbse ist ja ein Typ, der neigt zu den großen Emotionen, zu den großen Zielen. Da sind wir uns im Temperament unterschiedlich. Mir reicht auch ein schöner Samstag mit ihm auf der Tribüne.

 
Kurz-Interview Peter "Erbse" Erdmann:

Peter, zu erst mal eine Frage zu Deinem Namen: Warum "Erbse" Erdmann? Das wurde mir in die Wiege gelegt und zwar hatten sie zu Papa und zu Onkel Herbert, die beide auch bei Borussia gespielt haben, Erbse 1 und Erbse 2 gesagt. Ich denke mal, die Kinder erben das... Also die 3. Erbse? Oder die 4.! Wie kam es denn jetzt zum BVB-Walzer? Das war ganz spontan. Ich versuchte ein wenig Ordnung zu schaffen, damit in den Silvester hereingetanzt werden konnte, wie ja Gerd Kolbe gerade wunderbar erklärt hat. Statt leerer wurde der Innenraum immer voller und der Roberto Blanco zieht sich zu seiner komischen roten Jacke noch einen Rot-Weiß-Essen-Schal um. Da kannst Du Dir vorstellen, da konnte er gleich nach Hause gehen. Und da musste ich dann 'ran. Dann wurde der BVB-Walzer angestimmt. Wie erfolgreich war das? Der war ganz erfolgreich, ich habe 5000 Stück verkauft, ohne sie irgendwie in die Läden zu bringen. Anstatt mich um dem Verkauf zu kümmern - im Sauerland oder Münsterland hätte ich weitere Tausende verkaufen können - musste ich ja Sorge tragen, dass der BVB-Fan Club weiter existiert.  Macht es Dich stolz, dass der BVB-Walzer bei vielen BVB-Spielen gesungen wird? Das ist einfach ein irres Gefühl das immer zu hören. Ich habe das ja die ganzen Jahre im Fernsehen verfolgt und ich glaube der BVB-Walzer ist unsterblich. Der Gregor Schnittker hat Dich ja gefunden und hierhin geholt. Wie war es, als Du wieder nach Dortmund gekommen bist? Ja, ich habe da gesagt: Ich bin hier zu Hause.  Was war das schönste am heutigen Abend für Dich? Ach, es war einfach irre, die alten Mitstreiter wieder zu treffen, mit denen man unzählige schöne Stunden hatte. Und morgen geht es dann weiter...  Gibt es eine Titelverteidigung? Ja. Die Titelverteidigung steht für mich schon lange lange fest.

Kurzinterview BVB-Schatzmeister Dr. Reinhold Lunow:

Dr. Lunow wie fanden Sie die Veranstaltung? Ich fand es war eine ganz klasse Veranstaltung. Ich würde sagen, es war die beste Veranstaltung die im Borusseum seit Bestehen des Borusseums stattgefunden hat. Den BVB-Walzer kennen Sie natürlich - aber konnten Sie auch mit dem Namen Peter "Erbse" Erdmann etwas anfangen? Ich habe, als ich mich mit der Erstellung des Borusseums beschäftigt hatte, den Namen erstmals gehört. Ich hatte da aber nur ein Foto von ihm gesehen und alle haben erzählt, dass er verschwunden sei. Dass man ihn jetzt wieder gefunden hat und wir einen so tollen Abend mit ihm hatten, ist schon eine tolle Sache. Was war Ihrer Meinung nach der persönlichste Moment heute Abend? Ich würde sagen, es waren zwei bewegende Momente: Einmal jeweils als Erbse Erdmann das Lied live vorgetragen hat und Stadionatmosphäre aufkam. Mich selber hat dieses Lied ein Leben lang begleitet und dass man jetzt praktisch den trifft, der den BVB-Walzer geschaffen hat... nachdem ihm so viel schlimmes passiert ist, wir ihn wieder zurückgeholt haben, er das wieder hier vortragen konnte - das war wirklich ein bewegender Moment. Wird es Samstag auch wieder den BVB-Walzer geben? Den wird es immer geben, den wird es morgen geben und auch noch die nächsten 100 Jahre! Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailRedaktion, 14.02.2012


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