Daniel Ginczek: "Ich bin auf Knien die Treppe hochgekrochen" (I)

Daniel Ginczek ist 21 Jahre alt und nicht erst seit seiner aktiven Zeit in der Dortmunder B-Jugend ein echter Borusse.

Für die zweite Mannschaft des BVB erzielte er in 65 Spielen bemerkenswerte 28 Tore. Von der U-17 bis zur U-20 durchlief er alle Nachwuchsnationalmannschaften des DFB. In der Saison 2010/11 gehörte der Mittelstürmer dem Meisterkader an, blieb jedoch ohne Einsatz. Anschließend wurde er für ein Jahr an die Nachbarn des VfL Bochum ausgeliehen. In einer mäßigen Bochumer Saison spielte er zwar nur selten über die volle Spielzeit, markierte aber dennoch sieben Treffer in 32 Spielen und erreichte mit dem VfL das Achtelfinale des DFB-Pokal. Die sportliche Führung des amtierenden Doublesiegers traut dem gebürtigen Arnsberger den Sprung zu den Profis der Schwarzgelben zu. Deshalb wurde er in diesem Sommer erneut für eine Saison an den ambitionierten Zweitligisten FC St. Pauli ausgeliehen, wo ihm unter anspruchsvollen Wettbewerbsbedingungen der nächste Schritt in seiner Entwicklung gelingen soll.

Kirsche-Redakteur Patrick Meiß traf Daniel Ginczek in Hamburg für ein zweiteiliges Interview. Nach dem Training erscheint der 1,90 Meter große Angreifer frisch geduscht und entspannt bei bestem Sommerwetter auf dem Trainingsgelände des FC St. Pauli. Ideale Voraussetzungen um mit ihm im ersten Teil des Interviews über frühkindliche Trikotfragen, seine fußballerische Kindheit und Jugend, seine Zeit in Bochum, Ausleihgeschäfte und über seine Perspektive beim BVB zu sprechen.



Daniel, hast Du Dich eigentlich schon bei Öffnet externen Link in neuem FensterLasse Sobiech (war letzte Saison vom BVB an den FC St. Pauli ausgeliehen; d. Red.) beschwert?

Warum?

Wenn er noch da wäre hättet ihr zusammen mit Florian Kringe eine Dortmunder Dreier-WG hier aufmachen können.

(grinst) Also dass der Flo noch kommt, war natürlich nicht abzusehen. Umso schöner, dass er jetzt da ist. Wir kennen uns ja aus Dortmund. Das wäre eine lustige Geschichte gewesen, wenn Lasse auch noch hier geblieben wäre. Drei Dortmunder - das wäre schon nicht schlecht gewesen. Aber gut, einer reicht mir (lacht).

Beginnen wir mal beim ganz jungen Daniel Ginczek. Du kommst aus Arnsberg. Bist Du da in einer fußballaffinen Familie aufgewachsen oder wie bist Du zum Fußball gekommen?

Also angefangen hat alles damit, dass mir mein Onkel ein Schalke-Trikot übergezogen hat. Da konnte ich noch nicht denken.

Und Dich noch nicht wehren...

Genau. Mein Vater war auch schon Fußballer und hat in Oestrich (Iserlohn) gespielt. Über ihn bin ich zum Fußball gekommen. Klar, meine Eltern haben mir das schon selbst überlassen. Aber laut meiner Mama war das erste Wort, das ich sprechen konnte: Ball. Deswegen war das auch keine schwere Entscheidung, zu sagen: ich will Fußball spielen. Mit vier Jahren habe ich dann beim FC Neheim angefangen. Seitdem spiele ich Fußball.

Gab es bei Dir eigentlich auch den Klassiker, dass Du für jedes geschossene Tor etwas Geld von Deinen Eltern bekommen hast?

Mein Vater hat mal beim Westfalenpokal aus Spaß gesagt, dass ich pro Tor fünf Euro bekomme. Dort sind wir dann mit Neheim ins Halbfinale gekommen. Gut, für ihn ist es schlecht gelaufen, weil ich dann vierzehn Tore geschossen habe.

Hast Du denn von Anfang an als Stürmer gespielt?

Nee, das ist eine ganz kuriose Geschichte. Ich habe als Rechtsverteidiger angefangen. Dann habe ich im rechten Mittelfeld gespielt und in der B-Jugend nicht ganz unerfolgreich als Stürmer. Aber Dortmund hat mich dann als rechten Verteidiger geholt. Auf der Position war ich in Dortmund jedoch nicht so gut und bin dann recht schnell wieder nach vorne gegangen.

Wie kam damals der Wechsel zum BVB zu Stande?

Ich war schon immer großer Dortmund-Fan - damals wie heute. Es war immer mein Traum, dort zu spielen. Als einziger Spieler aus einem kleineren Verein habe ich es damals in die Westfalenauswahl geschafft. Alle anderen kamen von größeren Vereinen. Da fällt man natürlich auf. Über meinen Mentor und damaligen Trainer bei Neheim, Sascha Eickel (der jetzt A-Jugendtrainer beim BVB ist) kam der Kontakt zu Peter Wazinski (gemeinsam mit Lars Ricken jetziger Jugendkoordinator bei Borussia) zustande. Der hat damals die Dortmunder B-Jugend betreut und mich zum Probetraining eingeladen. Danach wurde ich sofort verpflichtet.

Und dann bist Du immer zwischen Arnsberg und Dortmund gependelt?

Ja, ich habe dann zu Hause noch meinen Schulabschluss gemacht. In der B-Jugend gab es einen Fahrdienst und in der A-Jugend haben mich meine Eltern immer gefahren.

Ansonsten sagt man, dass die jungen Spieler nicht nur fußballerisch professionell geschult und gefordert werden. Blieb da noch Zeit, seine Jugend auszuleben?

Es war schon sehr schwer noch Zeit für andere Dinge zu finden. In der Regel bin ich aus der Schule gekommen, habe Hausaufgaben gemacht und bin dann zum Training gefahren. Besonders extrem war es beim Schulpraktikum in der 9. Klasse. Da habe ich bis 17 Uhr gearbeitet und musste danach direkt zum Training. Dann stand man noch häufig im Stau und ich musste zum Teil im Auto essen, damit ich pünktlich ankam. Meine Eltern haben mich in der Zeit sehr unterstützt und sich viel Zeit dafür genommen, mich immer zum Training zu fahren. Ohne diese Unterstützung hätte ich das nicht gepackt und würde heute nicht hier sitzen.

Du hast dann die U-17 bis zur U-19 beim BVB durchlaufen. Wo lagen da im Training die größten Unterschiede zu Deinem vorherigen Verein und was hat es Dir gebracht?

Als weltweit angesehener Verein ist Borussia Dortmund natürlich viel professioneller als die meisten anderen Vereine. Die Möglichkeiten, sich ständig in Turnieren mit anderen großen Mannschaften zu messen, sind bei kleineren Vereinen nicht vorhanden. Die Anzahl der Trainingseinheiten und deren Intensität sind auch deutlich höher. Wir haben pro Woche sechsmal trainiert und ein Spiel gehabt. Das ist also wie bei den Profis. Außer dass das Training nur abends stattfand. In Neheim habe ich nur zweimal pro Woche trainiert. Am Anfang war das eine große Umstellung, da bin ich abends zu Hause auf den Knien die Treppe hochgekrochen. In den Mannschaften von Borussia Dortmund zu spielen, hat mir auch in meiner Persönlichkeitsentwicklung einen großen Schub gegeben, fußballerisch sowieso. Gleich in meinem ersten Jahr in der B-Jugend beim BVB 27 Tore in 25 Spielen zu erzielen - das macht man auch nicht jede Saison. Vor allem wenn man gerade aus der Bezirksliga gekommen ist.

Wie war denn damals die Verbindung zwischen der Jugend- und der Profiabteilung beim BVB? Als Du nach Dortmund kamst, war Thomas Doll Cheftrainer der Profis. Ein Jahr später kam Jürgen Klopp, der bekanntermaßen vermehrt mit jungen Spielern arbeitet.

Bei uns war es so, dass wir mit der B-Jugend auch in Brackel trainiert haben (dort befindet sich das Trainingsgelände des BVB; d.Red.). Da war die Nähe zu den Profis natürlich vorhanden. Als ich nach Dortmund kam ging es für mich darum, dass ich überhaupt mal spiele. Dass ich direkt Stammspieler werde und viele Tore erziele, hätte ich nicht erwartet. Dann hat mich Thomas Doll relativ schnell zwei Mal wöchentlich mit den Profis trainieren lassen. Als Jürgen Klopp kam, war ich reifer und meine Persönlichkeit hatte sich weiterentwickelt. Ab dem Zeitpunkt habe ich dann drei Mal wöchentlich mit den Profis trainiert und war ab und an bei Freundschaftsspielen am Ball. Je nachdem wie das auch mit der Schule gepasst hat. Da hat man schon gemerkt, dass die Verzahnung zwischen den Jugend-, Amateur- und Profibereichen enger wurde. Inzwischen trainieren ja alle Mannschaften des BVB in Brackel. Dort kann man sich ganz und gar auf Borussia und den Fußball konzentrieren.

Du hast dann auch in den U-17 bis U-19 Juniorenauswahlmannschaften des DFB gespielt. Wenn ich jedoch richtig informiert bin, hast Du auch die polnische Staatsbürgerschaft…

Nee, die hatte ich nie. Ich weiß nicht, wer das mal in die Welt gesetzt hat. Meine Großeltern kamen zwar aus Schlesien und daher habe ich auch meinen Nachnamen, aber mehr ist da nicht.

Dann erübrigt sich wohl meine Frage, ob Du Dich für den polnischen oder für den deutschen Verband entscheiden musstest oder wirst…

Der polnische Nationaltrainer hatte mich mal zu U-18-Zeiten angerufen. Aber ich spreche noch nicht mal ein Wort polnisch, von daher war das kein Thema.



Widmen wir uns der letzten Saison: Wie war das für Dich als Dortmunder in Bochum? Gibt es eigentlich etwas, das Bochum den Dortmundern voraus hat?

Das kann man nicht vergleichen. In Bochum ist alles viel kleiner. Aber in Bochum sind die Bedingungen ebenfalls top, Trainingsgelände und Stadion sind erstligareif, auch wenn alles etwas kleiner, familiärer ist. Für mich war das eine schöne Zeit dort. Es war mein erstes richtiges Profijahr und ich habe da viel gelernt, viele Spiele gemacht und meine ersten Bundesligatore erzielt. Deswegen erinnere ich mich gerne an das Jahr.

Wie fällt denn Deine Saisonbilanz aus? Du hast in 29 Ligaspielen fünf Tore erzielt, obwohl der VfL Bochum am Ende in der zweiten Liga „nur“ den elften Platz belegte.

Es hätten gerne ein paar Tore mehr sein dürfen. Man muss jedoch berücksichtigen, dass ich 17 Mal eingewechselt wurde und zwischendurch mal lange verletzt war. Dann kommst du aus dem Rhythmus raus. Ansonsten war ich mit meiner Leistung im Großen und Ganzen recht zufrieden.

Ab wann war Dir klar, dass Du nicht länger in Bochum bleiben wirst und wie kam das Ausleihgeschäft mit St. Pauli zustande?

Das Problem war so ein wenig, dass der VfL gesagt hat: wir warten mal ab, wie er nach der Verletzung wiederkommt. Im Januar hieß es, dass Bochum mich auf jeden Fall halten will, danach war es dann ein ständiges hin und her. Ich habe dann relativ früh für mich entschieden, dass ich eine neue Herausforderung suchen möchte und etwas weiter von meinem heimischen Umfeld weg möchte. Bereits vor einem Jahr hatte ich ein Angebot von St. Pauli, hatte mich aber für Bochum entschieden. Von daher war für mich relativ schnell klar, dass ich zu St. Pauli wechseln will.

Gab es denn auch andere Optionen?

Ja, die waren aber alle nicht so konkret wie die Option St. Pauli.

Wie ist die Situation für Dich, dass Du nun beim BVB unter Vertrag stehst, aber zwei Jahre nacheinander an zwei verschiedene Vereine ausgeliehen wurdest: entspricht das Deinen Vorstellungen?

Dortmund erhofft sich jetzt natürlich den nächsten Sprung von mir. Im besten Fall habe ich mich in Bochum und hier in St. Pauli dann so gut weiterentwickelt, dass ich es auch bei Borussia eventuell schaffen könnte. Ausleihverträge sind immer so eine Sache, da man weiß, dass man im Prinzip nach einem Jahr wieder weg muss. Ich weiß zwar nicht, ob das meine letzte Ausleihe ist, aber ich hätte gerne mal längere Planungssicherheit. Es würde mich freuen, wenn ich im nächsten Sommer irgendwo einen Drei- oder Vierjahresvertrag unterschreiben könnte.

Wie ist denn die Perspektive beim BVB – stehst Du da mit jemandem in Kontakt?

Nein. Es gab nur die Debatte, ob ich verkauft oder ausgeliehen werden soll. Jürgen Klopp und Michael Zorc haben dann klargestellt, dass sie mich auf jeden Fall behalten wollen und noch eine Saison ausleihen werden. Das war der Plan.

Im zweiten Teil des Interviews sprechen wir mit Daniel Ginczek u.a. über die neue Saison, seine persönlichen Ziele, besondere Fußballmomente, den BVB und über eine wiedergefundene Meistermedaille. (Öffnet externen Link in neuem Fenster>> Zum zweiten Teil des Interviews)

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailPatrick Meiß (Fotos: Moritz Gerlach, Nr. 5: Kirsche-Galerie) - 13.08.2012



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