Robben lacht und Dortmund hadert

Aus dem Berliner Olympiastadion berichten
Arthur Makiela und Holger W. Sitter

Das Spiel war entschieden, die Münchener die Sieger, doch alle Zeitzeugen beschäftigte nur eine Frage: Warum zählte das reguläre Dortmunder Tor nicht? Ausgerechnet im DFB-Pokal-Finale entschied das Schiedsrichter-Gespann falsch (Assistent Willenbourg hatte zur Mittellinie – also Tor – entschieden und wurde von Meyer korrigiert) – und brachte damit den BVB um den Titel. „Wir haben ein Tor erzielt, das regulär war und das hätte zählen müssen“, echauffierte sich nicht nur Kapitän Torwart Roman Weidenfeller über die Szene in der 64. Minute.

Später, als Jürgen Klopp dann von einem Journalisten in der Pressekonferenz erfuhr, dass Schiedsrichter Meyer beim nicht gegebenen Tor von Mats Hummels seinen Linienrichter überstimmte, verlor er sogar fast die Contenance. „Das ist der Hammer, demjenigen, der es besser gesehen hat, die Entscheidung abzunehmen“, lautete sein Statement.

Davor hatten die 76.197 Zuschauer einen regelrechten Abnutzungskampf erlebt, der bis hin zu muskulären Krämpfen den Akteuren alles abverlangte. Pep Guardiola überraschte mit seiner Formation. Der 18-jährige Pierre Emil Højbjerg durfte von Beginn an ran. Javier Martinez spielte in der Innenverteidigung. Vorne wechselten sich Robben, Müller und Götze als Spielmacher und als hängende Spitze ab. Borussia kam gar nicht ins Spiel und war sichtlich von der Formation überrascht. Der Rekordmeister hätte auch bereits früh in Führung gehen können. Nach einer schnellen Kombination vor dem BVB-Strafraum traf Thomas Müller mit seinem Schuss Roman Weidenfeller am Kopf (4.). Zwei Minuten später war es der Niederländer Robben, der eine Gelegenheit hatte (6.). Das Spiel war von der Taktik geprägt. Die Bayern ließen den Ball meist in ihrer eigenen Hälfte laufen und ließen dem BVB kaum Platz, um ihr Spiel aufzuziehen. Die Roten griffen den ballführenden Spieler sehr früh an, sodass dieser die Kugel notgedrungen lang nach vorne raushauen musste. Schnelle Ballverluste waren die Folge. Die Ballbesitzstatistik sprach klar für den letztjährigen Triplesieger. Auf einen geordneten Spielaufbau oder gar Konter des BVBs wartete man vergebens. Dass Jürgen Klopp und Mats Hummels nach dem Spiel bei Schiedsrichter Florian Meyer vorstellig wurden, hatte aber auch andere Gründe. Immer wieder rissen die Bayern-Defensivspieler am Trikot von Marco Reus, doch der erfahrene Unparteiische ließ die Bayern durchweg gewähren und verzichtete weitestgehend auf Gelbe Karten, als diese die schnellen BVB-Konter mit taktischen Fouls zu unterbinden wussten. Viele Zweikämpfe wurden geführt. FCB-Kapitän Lahm musste dabei einen hohen Preis bezahlen, nach 30 Minuten musste er verletzungsbedingt vom Feld. Die Sorgenfalten von Bundestrainer Jogi Löw, der sich die Partie von der Tribüne aus ansah, wurden sichtlich größer. Nach einem Reus-Freistoß verhinderten die Bayern gerade noch ein Zuspiel auf den freistehenden Lewandowski (35.). Die Dortmunder kamen etwas besser ins Spiel, doch der letzte Pass kam nicht an. Vor der Halbzeit war es wieder einmal der Pole, der eine Halbchance hatte. Lewy rutschte bei der Ballabnahme aus und verzog deutlich. Zudem übersah er den freistehenden Reus gänzlich. Insgesamt hätte der BVB sich über einen Rückstand zur Halbzeit nicht beschweren dürfen. Selbst konnte man sich kaum Offensivaktionen herausspielen. Die Bayern hätten bereits früh in Führung gehen können. In der zweiten Halbzeit änderte sich das Bild kaum. Die Bayern hatten die besseren Torgelegenheiten. Nach Vorarbeit von Ribery, der früh für Lahm gekommen war, scheiterte Müller aus kürzester Distanz an Weidenfeller (56.). Reus‘ Freistoß, der von einem Kopf in der Mauer der Bayern abgelenkt wurde, flog im hohen Bogen in Richtung Gehäuse (61.). Neuer stellte sich unter die Latte, was beinah komödiantische Züge gehabt hätte, wie einst bei Piplica von Energie Cottbus. Dann kam die Aufregerszene des Spiels (64.). Die Bewertung der Szene lässt eigentlich keine zwei Meinungen zu. Eine Auslegung Pro BVB und man wäre wohl Sieger nach 90 Minuten gewesen, wenn nicht Schiedsrichter Florian Meyer anders entschieden hätte – alles im Konjunktiv! Was war geschehen? Nach einem Freistoß von Reus verlängerte Lewandowski auf Mats Hummels. Der Innenverteidiger bugsierte die Kugel deutlich über die Linie. Dante klärte den Ball klar hinter der Linie. Jeder, der es mit den Schwarzgelben hält, jubelte bereits. Aber der Treffer wurde nicht anerkannt. Zwar diskutierte man kurz über eine vermeintliche Abseitsstellung von Hummels, doch Meyer pfiff dies nicht ab. Folgerichtig hätte der Treffer zählen müssen. Das war eine krasse Fehlentscheidung. Diese Szene ist eine Ohrfeige für die DFL und sämtliche Vereine, die sich gegen die Einführung der Torlinientechnik entschieden haben. Gut, die Vereine stimmten dagegen. Doch die DFL und der DFB müssen sich nun Kritik gefallen lassen, ein Finale aufgrund fehlender Technik auf dem Gewissen zu haben. In der Folge erhöhte sich die Schlagzahl zusehends. Der BVB hatte durch einen Distanzschuss des eingewechselten Oliver Kirch die nächste gute Chance (72.). Kurz darauf wurden auch die Bayern wieder gefährlich. Abermals kam es zum „ewigen Duell“ Weidenfeller gegen Robben (75.). Der BVB-Schlussmann blockte den Versuch ab. Die reguläre Spielzeit ging torlos aus, man ging in die Verlängerung. Und dann gab es da ja auch noch die Lex Toni Kroos, der mit zwei keineswegs harmlosen Fouls intensiv um eine Gelb-Rote Karte bettelte, aber auch hier beließ es Schiri Meyer lediglich bei einer Ermahnung. Dass Kroos die vollen 120 Minuten überhaupt durchspielen durfte, verwunderte anschließend sogar Franz Beckenbauer: „Da hätte er sich nicht beschweren dürfen, wenn er einen Platzverweis bekommen hätte“, sagte der Bayern-Ehrenpräsident und dokumentierte damit das Gesehene. Nach Robbens Führungstor in der 107. Minute lieferte Müllers Kraftakt im Berliner Olympiastadion die Entscheidung im erneuten bayerisch-westfälischen Fußball-Traumfinale. Im Gegensatz zur Pokalfinal-Torflut 2012 (5:2 für Dortmund) und zum spektakulären Champions-League-Showdown 2013 (2:1 für München) bot das Finale 2014 mehr Kampf und Dramatik als spielerische Klasse – eben bis zur totalen Erschöpfung.


Entscheidung

Warum in aller Welt wollte Roman Weidenfeller vor dem 0:1 nur das Spiel schnell machen mit diesem wahnsinnigen Abwurf, der den ausgepowerten Kevin Großkreutz an die Grenzen des Machbaren führte? Warum passten Hummels und besonders Piszczek nicht auf den sich mittlerweile als BVB-Schreck belustigenden Robben hinter ihnen auf? So muss man sagen, dass der spätere Sieger geradezu eingeladen wurde zur Führung. Und warum „Weide“ diesen Fehler anschließend nicht mal frank und frei eingestehen kann, bleibt sein Geheimnis allein.

Dass dann zu allem Überfluss Schmelzer seinen Nationalmannschaftkollegen Müller mehr oder weniger im Spalier wie ein Kreisklassespieler zur endgültigen Entscheidung durchlaufen ließ, rundete den Reigen der vermeidbaren Fehler nur ab. Viel interessanter wäre es gewesen, wenn Aubameyang, der für Jojic in der 83. Minute ins Spiel gekommen war, in der 91. Minute nach feinem Reus-Zuspiel von rechts aus 15 Metern das Leder eben nicht nur haarscharf auf der falschen Seite neben den rechten Pfosten gesetzt hätte ...



Kurz vor Schluss gab es noch eine Dortmunder Riesenchance, als ein von Boateng abgefälschtes Reus-Geschoss nur denkbar knapp über die Latte zischte. Aber am Ende feierten die anderen, die ewigen Gewinner, mit ihrem 10. Doublesieg. Doch wenn man der Wahrheit die Ehre gibt, war es in diesem Finale so möglich wie selten zuvor, den letzten Saisontitel zu gewinnen. Doch der BVB fand zu keiner Zeit zu seinem Spiel und wurde durch die taktische Umstellung Guardiolas konsequent in Schach gehalten.

Bleibt eigentlich nur noch der Blick nach vorn mit der Maßgabe: neues Spiel, neues Glück. Wenn dann nach der WM die Vorbereitung beginnt, wird sicher wieder ein schlagkräftiger Kader – inklusive der einen oder anderen Verstärkung – die Arbeit aufnehmen und erneut versuchen, am Thron der Bajuwaren zu rütteln. Für heute gilt erstmal: Ein Prosit auf unseren Verein!

Nachspiel

Im „Kraftwerk“ im Berliner Stadtteil Kreuzberg fand der Coach dann schnell wieder die richtigen Worte und kündigte an, dass „wir noch viele Finals gegen die Bayern spielen werden“. Dem fügte er folgendes hinzu, was durchaus eine Erwähnung wert ist: „Diese Mannschaft ist ohne sieben aus dem letztjährigen Finale ins Viertelfinale der Champions League eingezogen“, rief Klopp den Gästen zu. „Diese Mannschaft hat Platz zwei in der Bundesliga erreicht, überragend souverän, weil sie mit allen Problemen hervorragend umgegangen ist.“


Vielleicht das Bild des Abends: Robert Lewandowski geht lächelnd in seine neue (Pokal-)Zukunft

Da mochte keiner widersprechen. Mit zwei zweiten Plätzen kann man durchaus auch von einer gelungenen Saison sprechen. Auch wenn das morgen bereits keinen mehr interessieren dürfte ...

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailArthur Makiela, Holger W. Sitter - Christopher Neundorf (Fotos) - 17.05.2014


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